Von der Arbeit in einem Sexshop: Zwölf

Zwölf. Ein Dutzend. So viel wie eine Uhr Stunden anzeigt, so viel wie Jesus Jünger hatte, so viel wie unser Horoskop Tierkreiszeichen kennt: So viele Tage hintereinander hatte ich Dienst… Verrückt. Selbst Gott ruhte am siebten Tag.

Und wer ältere Berichte über meine pornöse Nebenbeschäftigung gelesen hat, kann sich unter Umständen vorstellen wie sich eine geballte Ladung realitätsferner Unterhaltungsmedien mit dazugehörigen Nervkunden, die sich über zwölf Tage lang hinziehen, auswirkt. Allgemein sollte jedoch folgende Erklärung die Situation beschreiben: Als Arbeitnehmer in einem Sexshop, der auch noch ein großes Kino beherbergt, dreht man in der Regel nach sieben bis acht Tagen durch, wenn man keinen Tag dazwischen frei hatte. Die schmuddelige Umgebung bekommt der menschlichen Seele auf Dauer einfach nicht. Ich dachte natürlich dies sei ein Mythos, doch  wurde ich am eigenen Leib eines besseren belehrt:

Am siebten Tag veränderte sich die Tonlage meiner Stimme, so als wäre ich zeitweise von Steve Urkel oder Freddy Krüger besessen. Oder beiden gleichzeitig. Dazu begann ich wirres Zeug zu reden, war sehr leicht reizbar, machte niveaulose Scherze und infantile Wortwitze, wie man sie höchstens noch im Fernsehen von Nulpen wie Oliver Pocher zu hören bekommt. Freunde, mit denen ich an diesem kritischen siebten Tag telefonierte, meinten, ich würde mich irgendwie irre anhören. Und zwar im beängstigenden Sinne. Doch immerhin hatte ich keine Mordgelüste, also nahm ich mir die sorgenden Bemerkungen nicht so zu Herzen. Was wissen die schon? Die sind doch die Verrückten, nicht ich. Jawohl.

Am achten Tag befürchtete ich das schlimmste, aber es kam alles ganz anders: Ich war
die Ruhe selbst. Entspannt und gelassen saß ich meine Schicht ab und ließ es mir dabei gut gehen. Ich machte sogar wieder Smalltalk mit unseren Kunden, lachte viel und war die Freundlichkeit in Person. Hatte ich vielleicht unbewusst irgendwelche Drogen genommen? Eigentlich unwahrscheinlich, es sei denn Kamillentee fällt seit neustem unter das Rauschmittelgesetz. Die gute Laune beruhte wohl tatsächlich darauf, dass ich den verflixten siebten Tag überlebt habe und mich mein Hirn nun mit ein wenig Juchu-Hormonen belohnte.

Richtig schlimm wurde es am neunten Tag. Nicht nur, dass die komplette Gelassenheit vom Vortag wie weggeblasen schien, nun kamen auch noch die anfangs befürchteten Mordgelüste hinzu, die sich mit wilden Zerstörungsfantasien um die Vorherrschaft meiner Gedanken balgten. Ein typisches Beispiel: Der Stift in meiner Hand. Ramme ich ihn dem Kunden da ins Auge, der es wagt mich zu fragen ob die neuste Augsabe der „Happy Weekend“ schon da ist? Oder zersteche ich damit lieber alle Bücher und Zeitschriften? Oder kombiniere ich alles? Ich könnte alle Zeitschriften zerstechen, den Kunden zwingen sie zu essen und ihm erst danach den Stift ins Auge rammen. Dann wüsste er, was ich unter einem happy Weekend verstehe…

Nun ja, leider glücklicherweise bin ich ein vernünftiger Mensch und keiner von den abstrusen Gedanken wurde in die Tat umgesetzt. Stattdessen biss ich die Zähne zusammen und sagte lediglich: „Ja, die neue Ausgabe ist da. Gleich da vorne. Bitte sehr.“ Nur in Gedanken fügte ich noch etwas hinterher: „Ich hoffe du erstickst daran!“.

Immerhin war der neunte Tag insgesamt sehr ruhig, also musste ich nicht sehr oft die Zähne zusammenbeissen und gedankliche Flüche aussprechen. Das wäre am Ende sonst eine teure Zahnarztrechnung geworden. Von den Kosten für den Psychiater ganz zu schweigen…

Am zehnten Tag konnte ich dann erneut einen Stimmungswandel wahrnehmen. Mein Kopf war nicht mehr voll mit Beleidigungen und auch konnte man nicht mehr davon sprechen, dass ich jederzeit jemanden mit einem Dildo erschlagen könnte. Stattdessen beherrschte mich nun eine ungeheure Lustlosigkeit und Gleichgültigkeit. Ich saß sehr viel auf meinem Hocker, lehnte mich halbtot an die Wand, drehte die Musik ganz laut auf und sang mit voller Inbrunst mit, schlawenzälte oft tänzelnd durch den Laden und ließ mir allgemein viel Zeit mit allem was ich tat. Selbst absoluten Idiotenkunden entgegnete ich nur noch mit einem tiefen Seufzer.

Der elfte Tag war sehr seltsam, denn er gestaltete sich wie eine Mischung aus den Tagen davor, was mich äußerst unberechenbar machte. Wie würde ich wohl auf den nächsten Trottelkunden reagieren? Ignoriere ich ihn? Verarsche ich ihn? Beschimpfe ich ihn? Trete ich ihn? Fragen über Fragen, deren mögliche Beantwortung jedoch für viele unterhaltsame Stunden sorgte…

Und dann endlich: Tag Zwölf. Der letzte Tag. Doch gab es ihn überhaupt? Ich weiß, ich musste arbeiten, aber ich habe keine wirkliche Erinnerung daran. Liegt wohl daran, dass ich mich gedanklich ganz woanders befand. Außerhalb des Ladens nämlich…

Freiheeeeeeeit.