Von der Arbeit in einem Sexshop: Wo ist meine Hose?

Schon mal etwas verloren? Etwas einfach nicht mehr gefunden, als sei es vom Erdboden verschluckt worden? Ein unangenehmes Gefühl, das man bei einer Socke oder einem Feuerzeug noch verkraften kann. Schlimm – und teuer – wird es erst beim Verlust der Schlüssel, der Brieftasche  oder eines wichtigen Körperteils. Doch wie muss sich jemand fühlen, der seine Hose verloren hat?

Es ist früher Nachmittag: Ich sitze auf meinem Hocker, als ich aus den Augenwinkeln wahrnehme, dass die Kinotür aufgeht. Daraufhin wandert mein Blick automatisch in die Richtung und sehe… niemanden. Die Tür ist nämlich nur ein Spalt breit geöffnet. Plötzlich taucht jedoch eine Hand auf, die mich zu sich herüberwinkt, unterstützt von einem energischen “Pssst! Pssst!” aus dem Inneren des Kinos.

Ganz toll, denke ich, da hat sich wohl einer genug Mut anmasturbiert, um jetzt bei mir sein Glück zu probieren. Armer Freak. Kopfschüttelnd drehe ich mich einfach wieder weg.

Doch der Kinokunde lässt nicht locker. Auf einmal höre ich aus dem jetzt etwas breiteren Türspalt: Entschuldigung, könnten Sie mal bitte kurz herkommen? Dann eben auf die harte Tour. Ich stehe auf und marschiere in seine Richtung, fest entschlossen dem Freak ein paar klare Worte zu sagen. Kaum nähere ich mich und kann durch besagten Spalt erkennen wer da steht, trifft mich fast der Schlag. Der Mann hat keine Hose an. Hemd, Unterhose und Schuhe sind die einzigen Kleidungsstücke, die seinen alten Körper bedecken. Bäh. Warum muss er da halb nackt stehen? Was für ein Idiot, schießt es mir als erstes durch den Kopf. Ich halte sofort an, kneife die Augen wütend zusammen und möchte mich augenblicklich mit einem fiesen Kommentar wieder umdrehen und zurückgehen – wenn da nicht dieser weinerliche Blick wäre, mit welchem er mich anstarrt. Und so frage ich stattdessen:

Was ist denn passiert? Brauchen Sie Hilfe?
Ich kann meine Hose nicht mehr finden.
Ähm… Meint er das jetzt ernst?
Wirklich. Ich hab überall gesucht. Die muss jemand geklaut haben. Warum hast du deine Hose denn überhaupt ausgezogen? Meine Güte.
Ich weiß nicht… Haben Sie denn wirklich überall nachgeschaut?
Ja, in jedem Winkel, sogar in den Mülleimern. Die ist sicher geklaut worden.  Bitte helfen Sie mir. Hm, wer klaut denn bitteschön eine Hose? Im Pornokino? Ich verziehe irritiert mein Gesicht.
Tja, ähm, wie denn?, entfährt es mir schulterzuckend.
Hätten Sie denn vielleicht eine Hose für mich?
Wie bitte? Nein, wo soll ich denn jetzt eine Hose herhaben? Bei uns befindet sich nichts hosenartiges im Verkauf, sonst würde ich ihm natürlich etwas anbieten.
Ich dachte ja nur, vielleicht haben Sie eine irgendwo im Lager.
Nein, haben wir nicht. Ich könnte ihm natürlich ein Catsuit aus grobmaschigem Netzmaterial anbieten, aber das wäre wohl nicht in seinem Interesse. Und ein äußerst unschöner Anblick wäre es obendrein.
Aber was soll ich denn jetzt machen? Er scheint richtig verzweifelt  zu sein. Und ein wenig tut er mir sogar Leid, auch wenn ich die Situation zum Schreien komisch finde. Hoffentlich fange ich nicht an zu lachen, denke ich und versuche mich darauf zu konzentrieren ernst zu bleiben.
Können Sie denn nicht jemanden anrufen?
Nein! Nein, das kann ich doch nicht machen, antwortet er panisch. Scheint also keiner von seinem besonderen Hobby zu wissen. Pech, würde ich mal behaupten.
Obwohl, warten Sie… Können Sie mir ein Telefon geben? Aha, also doch. Sich zu outen ist wohl doch besser, als bis Ladenschluss im Kino zu bleiben, um im Schutz der Dunkelheit nach Hause zu huschen. Ich bringe ihm unser Telefon und halte die Tür auf, damit er ein wenig von den Geräuschen im Kino Abstand nehmen kann. Bei dieser Gelegenheit erkenne ich, dass da gar keine anderen Kunden in der Nähe stehen und gaffen, wie ich es erwartet hätte. Die paar Männer, die zur Zeit drin sind, beschäftigen sich wohl gerade woanders mit sich selbst – oder miteinander. Auch gut. In der Zwischenzeit hat der Nackte jemanden erreicht:
Hallo Rainer (Name geändert) ich bin’s. Bitte stell keine Fragen jetzt. Kannst du bitte eine Hose einpacken und sie mir… warte kurz. Er fragt mich nach unserer Adresse, dann gibt er sie zusammen mit dem Geschäftsnamen und einer Standortbeschreibung weiter. Ja, ich weiß. Ich erklär’s dir später. Bitte beeil dich. An dieser Stelle muss ich mich nun in der Tat sehr beherrschen, um nicht laut loszulachen.

Er gibt mir das Telefon zurück, bedankt sich und verschwindet ins Kino. Ich drehe mich um und nachdem die Tür zugefallen ist, kann ich endlich meinem Gelächter freien Lauf lassen. Welch eine Erleichterung!

Etwa 20 Minuten später, ich bin immer noch am Schmunzeln, betritt jemand den Laden. Der Mann schaut sich schüchtern um, dann tritt er zu mir heran, hebt seine Plastiktüte, die er dabei hat, hoch und sagt:
Entschuldigung, mich hat vorhin ein Freund angerufen… Ähm… Na, das ging ja schnell.
Ah, Sie sind der Mann mit der Hose? Ich kann mir das Lächeln nicht verkneifen.
Ähm… Ja.
Ich weiß Bescheid. Gehen Sie einfach da rein.

Es dauert keine drei Minuten bis er zusammen mit seinem jetzt angezogenen Freund wieder aus dem Kino herauskommt. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, eilen sie schnellen Schrittes an mir vorbei zum Ausgang. Beide mit einem hochrotem Kopf.

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