Von der Arbeit in einem Sexshop: Weihnachten

Zunächst einmal: Ja, unser Laden ist auch über die Weihnachtsfeiertage geöffnet. Und ja, bislang durfte ich immer an einem dieser Tage arbeiten. Denn – und auch hier muss ich die Frage bejahen – es gibt tatsächlich Kunden, die an Weihnachten ins Pornokino gehen.

Dieses Jahr war ich für den ersten Weihnachtstag eingeteilt. Das ist in der Regel der Tag, an dem am wenigsten los ist. Die meisten Kunden bleiben notgedrungen Zuhause bei ihrer Familie und tun mal das, was auch normale Menschen gerne tun. Für den diensthabenden Sexshop-Mitarbeiter bedeutet das: Man kann ungestört lesen, Musik hören und wird auch noch dafür bezahlt. Klingt im ersten Moment ganz locker, ist es aber nicht. Denn die wenigen Kunden, die am Weihnachtsmorgen unsere Dienste in Anspruch nehmen, sind jene, die sich sonst nur selten übers ganze Jahr verteilt zu uns verirren.

Da gibt es zum Einen die menschenähnlichen Menschen der ganz traurigen Sorte, die niemand lieb hat. Man erkennt sie vor allem an ihren seelenlosen Gesichtern, einer Quasimodogedächtnishaltung und einer leisen, von Weltschmerz gebeutelten Stimme. Diese unglückseligen Menschen wünschen einem auch keine frohe Weihnachten, wenn sie hereinkommen, weil sie genau wissen, wie erbärmlich es klingen würde. Doch weil auch diese Wesen, gerade an Weihnachten, ein bißchen Liebe brauchen, gehen sie schnurstracks dahin, wo sie definitiv welche bekommen: Ins Pornokino, wo die nackten Filmtanten aus der Flimmerkiste es willig mit jedem treiben und dementsprechend, rein theoretisch, auch für unsere armen Kunden etwas übrig haben würden. Das ist viel billiger und auch um einiges sicherer, als bei echten (käuflichen) Tanten anzuklopfen, die ja immerhin lachen oder den doppelten Preis verlangen könnten – was in beiden Fällen eine demütigende Wirkung hätte. So aber lässt man sich einfach von einem besinnlichen Weihnachtsfilmklassiker wie „Big Titty Christmas“ gemütlich in weihnachtliche Stimmung bringen. Und die Welt ist wieder in Ordnung.

Zum anderen gibt es aber auch noch die Kunden, die gar nicht mitbekommen haben, dass es ein Fest namens Weihnachten überhaupt gibt:

Habt ihr heut wieder länger auf?
(verwirrt) Nein.
Aber heut ist doch Freitag. Am Wochenende haben wir bis 2Uhr nachts geöffnet. Außer der Tag ist natürlich ein Feiertag.
Es ist aber auch Weihnachten.
Hm???
Feiertag.
Achso. Dann nur bis 11 oder was? Richtig, an Feiertagen schließen wir um 23Uhr.
Genau.
(beleidigt) Na toll.

Diese menschenähnlichen Menschen sind es, die das Arbeiten am Weihnachtstag den Stressfaktor nach oben treiben. Und wenn man dann noch das Vergnügen hat, komödiantischen Höchstleistungen lauschen zu dürfen, in Form von Bemerkungen über Ruten, den Sack vom Nikolaus und Erklärungen, was „weiße Weihnachten“ und das „Fest der Liebe“ wirklich bedeutet, dann wünscht man sich nicht nur einmal den heiligen Geist herbei. Mit einem heiligen Maschinengewehr in seinen heiligen Geisterhänden. Doch auch der heilige Geist wäre bestimmt überfordert, wenn die Kunden ihn lediglich lüstern anstarren und fragen würden: „Na, kommst du mit ins Kino?“

Schließlich wird man als Mitarbeiter doch tatsächlich gefragt, ob es überhaupt irgendetwas geileres geben kann, als im Pornoladen Weihnachten zu feiern. Idioten. Weiß doch jeder, dass es nur noch in exklusiven türkischen Gefängnissen schönere Weihnachten geben kann. Und vielleicht noch in Guantanmo Bay, aber das war’s dann auch schon. Auch wird man natürlich nach Geschenken gefragt. Entweder wollen dann manche Kunden einem auf besonders originelle und ach so gewitzte Art und Weise erklären, man wäre selbst das Geschenk – Ha Ha Ha – Oder sie versuchen plump und schäbig einen kostenlosen Eintritt zu erbetteln. Immerhin hätten wir doch Weihnachten, da könnte man ja auch ein bißchen Großzügigkeit an den Tag legen. Dass es großzügig genug ist, das Pornokino an den Weihnachtstagen überhaupt zur Verfügung zu stellen, auf die Idee kommt überraschenderweise keiner.

Die blödeste Frage, die man eindeutig zu oft gestellt bekommt, ist allerdings folgende: „Na, was machst du so an Weihnachten?“ Das, was jeder gute Christ tun sollte: Notgeilen Opas Karten fürs Pornokino verkaufen.

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