Von der Arbeit in einem Sexshop: Schuld war nur der Kakao

Ein älterer Mann mit einer fleckigen Glatze und dicker Hornbrille auf der Nase betritt den Laden, schaut sich ein wenig um und kommt schließlich langsam und leicht zittrig zu mir an die Theke. Nein, er ist nicht nervös, eher scheint das Zittern auf sein Alter oder seine angeschlagene Gesundheit zurückzugehen. Trotzdem weiß er, was er möchte. Denkt er zumindest. Er legt mir nämlich einen Zehn-Euro-Schein hin, reibt sich dann die Hände und mit dem Finger auf die Kaffeemaschine zeigend sagt er:

Sowas vielleicht…
Sie wollen nur was trinken? Oder auch ins Kino? Die 10 Euro wären immerhin der Eintrittspreis.
Ja.
Ähm… Wie ich diese Antworten liebe, wenn eine Entweder-Oder-Frage gestellt wird. Nochmal:
Was wollen Sie denn mit dem Zehner? Wechseln? Nur ein Getränk bezahlen? Ins Kino?
Ins Kino natürlich. Hören Sie doch mal besser zu, junger Mann. Mein Puls erhöht sich schlagartig um 23 Schläge pro Minute. Doch ich sage nichts. Der Tattergreis kann mir meinen Tag nicht vermiesen. Ich kassiere und stelle die obligatorische Frage:
Ein Getränk dazu? Eins ist frei.
Ja, ein Kakao, bitte. Dabei zeigt er erneut mit dem Finger auf die Kaffeemaschine.
Kakao haben wir nicht. Das ist eine Kaffeemaschine.
Man kann damit nur Kaffee machen? Nein, man kann damit auch jonglieren und alte Menschen erschlagen.
Ja. Wollen Sie einen?
Natürlich, ich würde doch sonst nicht fragen, oder? antwortet er leicht mürrisch. Der Puls erhöht sich um weitere 79 Schläge. Wieder sage ich nichts, sondern atme einmal tief durch und mache dem Freak einen Kaffee. Ich kann meine Nerven aber einfach nicht gut genug verstecken, denn während sich der Becher füllt, wird der alte Mann auf einmal sehr forsch:
Gibt’s ein Problem, junger Mann?! Nicht nur eins…
Nein… Ich kann mich nur daran erinnern, dass Sie einen Kakao wollten und –
Aber das ist nur eine Kaffeemaschine, haben Sie doch selbst gesagt! Nicht nur, dass er mir ins Wort fällt, nein, er faucht mich extrem giftig an, als wäre ich der Teufel höchstpersönlich. Mein Puls ist jetzt nicht mehr messbar.
Geht’s noch? Wollen Sie mich verarschen?
„Geht’s noch! Geht’s noch!“ Wie reden Sie denn mit mir?! Sein Kopf ist ganz Rot. Er fuchtelt mit den Händen herum und zittert jetzt noch mehr als sonst.
Meine Güte, jetzt kriegen Sie hier keinen Herzinfarkt! Ich bin sauer, werde aber selbst nicht laut. Das scheint den Freak nämlich noch mehr aufzuregen. Gut. Auch wenn ich beim besten Willen nicht verstehen kann, welche Sicherung bei ihm gerade durchgebrannt ist.
Auszuschließen wär’s ja nicht! Ne?!

Ich sag’s ja nur, weil ich keinen Krankenwagen rufen werde. Seine Augen blitzen wütend auf und der faltige Hals pulsiert, als gäbe es dafür was zu gewinnen. Ich grinse kurz, reiche ihm seinen Kaffee und widme mich dann anderen Dingen, wie der Deckenbeleuchtung und der Ladenmusik. Ich ignoriere ihn völlig.

Er bleibt noch ein paar Sekunden an der Theke, nimmt Zucker und ein Rührstäbchen mit und verschwindet in Richtung Kino. Auf dem Weg dorthin murmelt er schließlich noch etwas, dass ich jedoch leider nicht mehr verstehe. Habe nämlich in der Zwischenzeit die Musik lauter gedreht.

Was für ein schöner Tag.

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