Von der Arbeit in einem Sexshop: Schätzchen

Es ist mitten in der Nacht, noch ungefähr 15 Minuten bis Ladenschluss. Das Kinoprogramm für den nächsten Tag ist gemacht, Verkaufstheke ist geputzt, Regale sind aufgeräumt. Ich bin komplett alleine, die Musik ist laut aufgedreht und ich zähle die Sekunden bis ich endlich die Tür schließen kann.

Und dann betritt es plötzlich den Laden. Ja, ich schreibe bewusst “es”, weil der junge Mann, der plötzlich vor mir steht, eher wie ein Außerirdischer vom Planeten Homo wirkt. Was ich damit meine? Sagen wir es mal so: Boy George wirkte in seinen schrillsten Tagen nicht so – man muss es einfach sagen – merkwürdig, wie dieser nächtliche Besucher. Er ist ungefähr  1,70 groß, Mitte 20, ein bisschen dick, trägt eine hautenge Jeans, ein noch engeres, kurzes, bauchfreies Top, das man sonst wohl eher bei 13jährigen Mädchen finden würde, er ist dazu mit übertrieben viel Schmuck behängt, darunter mit überdimensional langen Ohrringen in Kreuzform, und seinen Kopf schmückt eine äußerst kurze Irokesenfrisur. Darüber hinaus weist seine Haut eine ziemlich ungesunde Bräunung auf.

Doch das Aussehen ist es gar nicht, das ihn so anders macht. Es ist sein Verhalten. Als er reinkommt erkenne ich, dass er beim Gehen die Hüften stark mitschwingt und einen Fuß vor dem anderen setzt, als würde er wie ein Model auf einer geraden Linie entlang spazieren. Dabei ruht eine Hand auf seinem Hintern, während er mit der anderen an einem seiner Ohrringe zupft.

Und wie er da so vor mir stehenbleibt, verzieht er den Mund zu einer Schnute, zieht die Augenbrauen nach oben und sagt mit einer piepsigen Stimme, die sich für mich anhört, als wolle er ein kleines Mädchen nachahmen: Hi Schätzchen. Kann ich hier Sex mit schwulen Männern haben? Hm?

Ich habe viele schräge Sachen gesehen, aber dieser Anblick ist wirklich denkwürdig. Ich antworte ganz gelassen: Für gewöhnlich schon, aber es ist niemand mehr da und ich mach in 10 Minuten den Laden zu. In meinem Ton schwingt fast schon ein bisschen Enttäuschung mit, denn diesem Besucher hätte ich den Spaß durchaus gegönnt, einfach weil er mal was anderes darstellt, als die gruseligen Ekel-Opas, mit denen man sonst so oft zu tun hat.

Schätzchen, so sein Spitzname ab sofort für ihn, reagiert gar nicht glücklich auf meine Antwort. Er nimmt die Hand von seinem Hintern, ballt sie zur Faust und fängt dann an mit den Füßen auf den Boden zu stampfen, während er dabei mit erhobener, doch nachwievor quietschender Kinderstimme sagt: Nein, nein, nein, ich will aber Sex mit schwulen Männern haben, Schätzchen!

Okay, also nicht nur seine Stimme klingt wie ein kleines Mädchen, er verhält sich auch noch wie eines. Was soll ich bloß darauf erwidern?

Tut mir Leid. Vielleicht ein anderes Mal.

Nein, ich bin nur heute hier. In seinem Blick spiegelt sich auf einmal die pure Verzweiflung. Der arme Junge muss es bitter nötig haben. Er schmollt richtig und ich befürchte, er fängt gleich an zu weinen. Bis ihm scheinbar etwas freudiges einfällt. Plötzlich reisst er die Augen auf und grinst mich an. Oh Nein.

Was ist mir dir, Schätzchen? Willst du nachher Sex mit mir haben?

Ähm, nein. Ich bin nicht schwul. Und selbst wenn ich es wäre, würde ich trotzdem kein Sex mit dir haben wollen, füge ich in Gedanken hinzu. Selbstverständlich gefällt ihm meine Antwort nicht. Erneut tritt er fest mit einem Fuß auf und schaut mich dann wie vorhin verzweifelt an.

Weiß du denn, wo ich noch Sex mit schwulen Männern haben kann? Warum eigentlich immer wieder diese spezifische Beschreibung? Sex mit schwulen Männern. Das habe ich schon beim ersten Mal verstanden.

Vielleicht. Ich erzähle ihm von einem Szene-Club, den ich kenne.

Oh, da waren wir schon, Schätzchen. Aha. Wir?

Tja, dann kann ich Ihnen wirklich nicht weiterhelfen.

Ich will aber Sex mit schwulen Männern haben. Oh Mann… Er seufzt mehrmals laut und fängt an Fingernägel zu kauen. Ich erwarte eigentlich, dass er jetzt geht, aber stattdessen will er es nochmal wissen:

Und du willst wirklich nicht, Schätzchen?

Nein, tut mir Leid.

Er nimmt tief Luft, blickt betreten zur Seite und an seinen Ohrringen zupfend sagt er schließlich: Okay dann. Mach’s gut Schätzchen!

Und wie er gekommen ist, so geht er auch wieder. Hüftschwingend, mit einer Hand auf dem Hintern, die andere am Ohrring. Als er den Laden verlässt, gehe ich ihm hinterher, um die Tür endlich zu schließen, doch kurz vorher mache ich noch einen Schritt nach draußen, um diesem verrückten Kerl noch einmal ungläubig hinterherzuschauen. Und da sehe ich, dass er gerade in ein Taxi steigt, das wohl die ganze Zeit vor unserem Geschäft auf ihn gewartet hat. Das deute ich deswegen so, weil der Taxifahrer an seinem Auto lehnt und Schätzchen erstmal gar nicht beachtet, während dieser sich auf den Rücksitz zwängt. Stattdessen nimmt der Fahrer Blickkontakt mit mir auf und in seinem Gesicht steht sowas geschrieben wie: Ich fahre diesen Typen jetzt schon seit Stunden durch die Stadt, weil er Sex mit schwulen Männern haben will. Du warst meine letzte Hoffnung. Jetzt hab ich ihn weiter am Hals! Ich wiederum setze ein Gesicht auf, das besagt: Tja, also ich geh jetzt nach Hause.

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