Von der Arbeit in einem Sexshop: Kunden-Typisierung

Um mir mein Studentenleben zu finanzieren, bin ich bereits seit mehreren Jahren in einem Erotik-Shop mit dazugehörigem -Kino als Kassierer tätig. Und in dieser durchaus langen Zeit lernt man in solch einem Geschäft unglaublich viele ungeahnten Facetten des menschlichen Charakters kennen, die ich gerne näher beleuchten würde.
Aus Gründen der Diskretion kann und will ich nicht auf einzelne Personen detalliert zu sprechen kommen, dafür werde ich stattdessen die eher allgemeinen Erfahrungen und Beobachtungen festhalten – was unterhaltsam genug ist.

Für den Anfang habe ich versucht eine Art Typisierung unserer Kunden zu erstellen, damit man eine kleine Vorstellung von den Menschen bekommt, mit denen ich regelmäßig zu tun habe. Zwar sind die meisten Kunden ganz normale Durchschnittsmenschen, doch bei vielen gibt es gewisse hervorstechenden Verhaltensmerkmale, die eine Einteilung in verschiedene Kategorien nicht nur erlauben sondern regelrecht erflehen… Aufgepasst:

Der Wühler.
Dieser Typus fasst grundsätzlich nahezu jede Ware an und bringt sie durcheinander. Egal ob es sich dabei um Filme, Wäsche oder sonstiges erotisches Zubehör handelt, er stellt den Artikel nie an dessen Platz zurück. Ganz schlimme Exemplare stoßen auch Ware um und lassen sie auf den Boden fallen ohne sich weiter darum zu kümmern. Spricht man ihn darauf an, bekommt man meistens die Antwort, dass man die Sachen gerade in dem Moment aufheben wollte. Natürlich. Gleich nachdem man mich zum Kaiser von Blödland gekrönt hätte. An und für sich ein eher harmloser Typus, aber u.U. überaus nervig.

Der Clown.
Clowns sind in der Regel jene Leute, die beim Anblick überdimensionaler Dildos anfangen zu lachen, diese in die Hand nehmen damit herumwedeln. Des weiteren haben Clowns die alberne Angewohnheit Peitschen und sonstige Utensilien dieser Art an ihren Gefährten oder an sich selbst „auszuprobieren“. Als außenstehender Verkäufer ist das bei weitem nicht so amüsant wie es sich anhört.

Der Neugierige.
Dieser Typus treibt jeden Verkäufer zur Weissglut, denn es ist seine krankhafte Art jeden Artikel für den er sich interessiert aus seiner Verpackung herauszunehmen. Das wäre nicht so schlimm, wenn es bei uns im Laden nicht unerwünscht wäre. Es ist selbstverständlich kein Problem sich Ware genauer anzuschauen, doch muss dies zusammen mit einem Verkäufer geschehen, da viele Kunden für sich alleine leider sehr unvorsichtig sind und nicht wenige Verpackungen dabei zerrissen werden. Die schlimmsten Exemplare dieses Typus sind jene, die zwar scheinbar Verständnis für diese Regelung zeigen, doch fleißig weitermachen, sobald man ihnen den Rücken zugekehrt hat.

Der Dumme.
Dieser Typus ist ebenfalls eher harmlos, aber je nach persönlicher Laune auch äußerst stressig: Er kapiert beim besten Willen nichts was man ihm erklärt und ist anscheinend so debil, dass jede Konversation zum Scheitern verurteilt ist. Es folgt ein beispielhafter Dialog:

Kunde: „Ich suche einen Film“
Verkäufer: „Wie heißt er denn?“
K: „Keine Ahnung, der ist so mit F***en und so“
V: „Das sind hier alle Filme. Ich brauche schon einen Titel wenn ich Ihnen weiterhelfen soll“
K: „Ich glaub ihr habt den Film aber gar nicht“
V: „Wenn Sie ihn hier nicht gefunden haben, dann kann das natürlich sein“
K: „Könnt ihr den dann vielleicht bestellen?“
V: „Sicher, aber auch dafür bräuchte ich einen Titel“
K: „Weiß ich aber nicht“
V: „Dann hab ich Ihnen bereits gesagt, dass ich dann nichts für Sie tun kann“
K: „Ja, könnt ihr den jetzt bestellen oder nicht?“
V: „Nein, das ist ohne Titel nicht möglich, tut mir Leid“
K: „Warum denn nicht?“
V (knirscht mit den Zähnen): „Wollen Sie mich verarschen?“
K: Hä? Dann kauf ich den eben woanders. Wiedersehen.

Und nein, diese Leute verstellen sich nicht, sie sind wirklich so.

Der Dreiste.
Diese Burschen kommen in den Laden rein und benehmen sich so, als würden sie den Verkäufer schon ihr ganzes Leben lang kennen. Es wird auf Anhieb geduzt und für selbstverständlich gehalten, dass man ihnen ein Getränk ausgibt oder ihre Kino-Eintrittskarten nicht kontrolliert, wenn sie mal für längere Zeit weg waren. Zur Erklärung: Wir bieten unseren Kinokunden Getränke und die Möglichkeit des Rein- und Rausgehens an, da es sich bei der Kinokarte um eine komplette Tageskarte handelt. Hat man gerade einen guten Tag, kommt es auf die Details an, wie man mit dem Dreisten umgeht, doch grundsätzlich nervt dieser Typus ungemein.

Der Betrüger.
Die typische Masche des Betrügers sieht wiefolgt aus: Er entfernt die Preisschilder von günstigen Waren und klebt sie auf teuere. Sein Trick klappt natürlich nicht, da man als Verkäufer durchaus weiß, in welcher Preisklasse sich die einzelnen Waren befinden. Leider lässt sich der Betrüger nur selten auf frischer Tat ertappen, sodass man meistens erst beim Kassieren darauf reagieren kann. Das sieht dann in der Regel so aus, dass man freundlich auf einen „Fehler“ hinweist und den tatsächlichen Preis nennt, wobei der Betrüger darauf stets gleich antwortet: „Aber das hab ich so gefunden“, womit er wohl irgendwie doch noch einen günstigeren Preis herausschlagen möchte. Dass das nicht klappt, muss ich wohl nicht erwähnen. Der Betrüger ist übrigens nicht zu verwechseln mit dem Dieb, den ich hier aber gar nicht erst aufzählen möchte, da er zu selten vorkommt.

Der Heimatlose.
Dieser Typus hat scheinbar nichts besseres zu tun, als sich stundenlang im Geschäft umzuschauen. Er geht weder ins Kino, wo man bei entsprechenden Kunden und Vorlieben auch durchaus einen halben Tag verbringen kann, noch lässt er sich beraten oder sonst irgendwie helfen. Er schaut sich einfach nur um. Die längste Dauer, die ich bis jetzt bei jemandem zählen konnte, belief sich auf über 5 Stunden. Der Heimatlose ist nur dann stressig, wenn man als Verkäufer dringend auf die Toilette muss und den Laden aber nicht unbeaufsichtigt lassen kann.

Der Nörgler.
Einer der schlimmsten überhaupt. Der Nörgler hat immer irgendwas auszusetzen. Sei es nun das aktuelle Kinoprogramm, die Warenauswahl, die Öffnungszeiten oder gar andere Kunden. Ständig beschwert er sich und dabei ist man als einfacher Verkäufer meistens die absolut falsche Anlaufstelle. Einer der Filme im Kino ist schlecht? Pech, komm morgen wieder. Wir haben keine grünen Vibratoren? Können wir bestellen. Was, es dauert zu lange? Pech. Kinoeintritt ist zu teuer? Brauchst ja nicht reinzugehen. Wir könnten am Wochenende auch mal ruhig länger aufhaben? Klar, um 4 Uhr in der Nacht zuzumachen ist echt eine Zumutung. Idiot.

Der Händler.
Dieser Typus will ständig über die Preise diskutieren. Enweder geht es um Prozente oder er macht selbst Preis-Angebote, die einem Verschenken der Ware gleichkommt. Durch und durch ein äußerst nervtötender Zeitgenosse.

Der Dummschwätzer.
Muss im Grunde nicht viel dazu gesagt werden. In erster Linie ist das typische Merkmal des Dummschwätzers das Erzählen absolut uninteressanter Geschichten. Dabei spielt es auch keine Rolle ob sich dieselben Geschichten bereits zum 798. mal wiederholen oder ob man als Verkäufer durch eindeutige Mimik und Gestik ausdrückt, dass man absolut keine Lust hat zuzuhören. Ich will nun mal nichts von wiedergeborenen Transsexuellen, Nudistenerfahrungen oder tragischen Autounfällen aus der Jugend wissen. Small-Talk ist in Ordnung, aber ich bin weder ein Beichtvater noch ein Sammelbecken für dümmliche Anekdoten. Eine spezielle Variante des Dummschwätzers stellt der Besserwisser dar: Dieser Typus kann zu jeder Situation und zu jedem Ereignis etwas „schlaues“ beitragen, denn er hat für alles und jeden eine Erklärung parat. Dabei hat er entweder schon selber alles erlebt oder er hat es mal irgendwo gelesen… Bei diesem Typus fragt man sich ob man auf der Stirn sowas wie „Quatsch mich voll“ oder „Ich bin blöd und glaub dir jeden Mist“ stehen hat. Dabei wünschte ich manchmal, ich hätte da was stehen, nämlich „Kauft was und haltet die Klappe!“

Der Perverse.
Ein ziemlich unangenehmer Geselle. Dieser Typus kennzeichnet sich dadurch aus, dass er nach Ware fragt, die in Deutschland entweder illegal ist oder moralisch gesehen in einem schlechten Licht steht. In den meisten Fällen sucht der Perverse Filme mit Tieren, aber manchmal auch mit extrem harter S/M-Thematik. Nach Kindern hat bis jetzt noch keiner gefragt, aber dieses Exemplar wäre dann seines Lebens nicht mehr froh, das kann ich garantieren. Sonst verweise ich aber lediglich auf die Illegalität hin und die Sache ist erledigt. Nervenaufreibend ist nur folgender Fall: „Ja, ich weiß, dass das in Deutschland illegal ist, aber ich hab ja auch gefragt ob ihr sowas verkauft“ (zwinker, zwinker). In solch einem Fall bittet man einfach den Perversen den Laden zu verlassen.

Der Sucher.
Dieser Typus könnte im Grunde auch den Perversen darstellen, denn der Sucher kommt grundsätzlich in den Laden rein um nach Dingen zu fragen, die wir gar nicht haben – entweder weil wir sie nicht verkaufen dürfen oder weil sie sich eigentlich von selbst ausschließen, wie z.B. Papers (für Zigaretten), Bier oder Viagra… Der Sucher ist in den meisten Fällen mit dem Dummen verwandt.

Der Stinker.
In der Nähe dieses Typus, der erstaunlicherweise nicht selten vorkommt, hat man als normaler Mensch Probleme mit dem Atmen. Das sagt im Grunde schon alles.

Der notgeile Idiot.
Sobald ein weiblicher Kunde den Laden betritt, zeigt sich warum der notgeile Idiot so heißt. Erstens fängt er wie ein läufiger Iltis an zu starren und zweitens schlendert er mehrmals ganz nah an der Kundin vorbei, möglichst auf eine Art und Weise die einen „zufälligen“ Körperkontakt ermöglichen soll, wie z.B. indem er sich für einen Artikel „interessiert“, der direkt bei der Kundin steht. Sehr amüsant. Bis jetzt hat sich auch nie eine Kundin beschwert, weil der Typus des notgeilen Idioten an sich sehr harmlos und, naja, irgendwie armselig ist.

Der Schüchterne.
Der Typus des Schüchternen ist der bekannteste und klischeebeladenste von allen überhaupt. So sehr, dass es ihn gar nicht mehr so häufig gibt. Jeder kann schließlich mit folgendem Satz was anfangen: „Das ist nicht für mich, das ist für einen Freund“. Dieser Satz wird tatsächlich noch benutzt, doch es kommt nicht selten vor, dass Kunden wirklich nur für einen Freund was suchen und man merkt dann den Leuten an, wie peinlich berührt sie plötzlich sind, wenn ihnen solch ein Satz ausrutscht. Sowas sagt man eben nicht – es klingt viel zu lächerlich. Ein weiteres Merkmal des Schüchternen ist seine Art nach bestimmten Artikeln zu fragen – wenn überhaupt. Wenn es um „Spielzeug“ geht schaut er dem Verkäufer kaum in die Augen, doch geht es um Filme, da bricht die ganze Kreativität des Schüchternen aus: Er fragt nämlich grundsätzlich nach Filmen mit Handlung, was einen Verkäufer sowieso erstmal laut seufzen lässt. Solche Filme gibt es zwar, aber wer schaut sich schon einen Porno wegen der Handlung an? Wie auch immer, man zeigt dem Schüchternen die entsprechenden Filme, doch er entscheidet sich im Endeffekt doch lieber für ein primitives Marathon-Gerammel unterster Schublade. Da weiß man, man hatte es wieder mit einem Schüchternen zu tun, der sich nicht traute nach dem zu fragen, was er auch wirklich sucht.

Der Angeber.
Der Angeber ist im Grunde das Gegenteil vom Schüchternen, obwohl er in den meisten Fällen absolut unglaubwürdog und schlichtweg lächerlich wirkt. Typische Situation: Der Angeber kauft sich eine Packung XXL-Kondome und sagt beim Bezahlen ganz lässig: „Ich brauch die“. Was soll man da als Verkäufer denn bitte erwidern? Nun, am besten nichts, aber ich kann mir bei besonders dümmlichen Exemplaren nicht verkneifen eine Augenbraue hochzuheben und zu fragen: „Sicher? Sind die nicht für ’nen Freund?“. Meine Standartantwort lautet aber im Grunde einfach nur „Schön für Sie“ begleitet von einem genervten Augenrollen…

Der Aggressive.
Dieser Typus hört sich schlimmer an als er es wirklich ist. Der Aggressive kennzeichnet sich dadurch, dass er extrem gereizt erscheint. Wenn man ihn z.B. freundlich fragt, ob man ihm denn helfen könnte oder darauf hinweist, dass er ruhig Fragen stellen kann wenn er nicht weiter zurecht kommt, dann reagiert er aufbrausend und empört, was mir als Verkäufer denn einfallen würde: „Nein, danke ich brauche keine Hilfe. Ich schau mich nur um. Ist das etwa nicht erwünscht? Kann man sich nicht mal mehr in Ruhe umschauen?! Wenn ich irgendwas benötige, dann rufe ich Sie schon!“ Man kann es eben nicht allen Recht machen…