Von der Arbeit in einem Sexshop: Kleine Idiotenparade

Ich frage mich manchmal, warum unser Laden so ein Freak-Magnet ist. Und damit meine ich nicht mal solche grotesken Gestalten wie den Blob, der sogar Mistkäfer dazu bringen kann sich vor ihm zu ekeln, sondern relativ normale Menschen. Soweit menschenähnliche Menschen normal sein können.
Gedankenversunken suche ich dann nach Antworten, stelle jedoch nach einiger Zeit jedes mal fest, dass ich mir die falsche Frage gestellt habe. Diese Freaks verlassen ihr Haus nämlich sicherlich nicht nur, um zu uns in den Laden zu kommen. Sie sind überall. Sie leben die ganze Zeit unauffällig unter uns. Und jeder könnte einer sein:
Der freundliche Kunde an der Supermarktkasse, der einen netterweise vorlässt, weil man selbst nur ein paar Artikel in der Hand hält. Der Familienvater, der auf der anderen Straßenseite mit Frau und Kinderwagen spazieren geht. Der Kellner aus dem Lieblingscafé. Der Postbote. Der Bundespräsident. Jeder.
Doch sobald diese Leute unseren Laden betreten, verwandeln sie sich in dreiste Dummbeutel und machen in puncto zwischenmenschlicher Umgang jeder faulen Zwiebel Konkurrenz. Es ist, als würden Intelligenz und Anstand an der Türschwelle ausgesiebt werden. Ist das etwa die Magie eines Erotikshops?

Nachfolgend möchte ich ein paar beispielhafte Ereignisse vorstellen, um zu versuchen dieser Frage auf den Grund zu gehen. Ereignisse, die mindestens einmal in der Woche vorkommen – und mich und meine Kollegen jedesmal denken lässt: Hoffentlich ist Dummehit nicht ansteckend.

Da gibt es zum einen die Sorte Kunden, die einfach Geld auf den Tresen legen ohne ein Wort zu sagen. Spezialisten drehen sich sogar um und schauen durch die Gegend, abwartend, dass ich kassiere. Schön, aber was genau soll ich denn kassieren? Früher habe ich immer nachgefragt oder mich scherzhaft für das Trinkgeld bedankt, aber inzwischen mache ich es dem Kunden gleich: Ich bleibe stumm und warte einfach ab. Nach ein paar unendlich wirkenden Schweigesekunden merkt der Kunde dann in der Regel, dass ich auf irgendeine Ansage warte, was ich denn mit dem Geld machen soll und die Transaktion kommt endlich normal in die Gänge.
Ganz stupide Exemplare nehmen allerdings lediglich Augenkontakt auf, reissen die Augenbrauen nach oben und erwarten anscheinend, dass ich ihre Gedanken lese. Mir allerdings liegt es dann immer auf der Zunge zu fragen ob jemand zu Hause sei, während ich in der Luft an eine imaginäre Tür in der Nähe ihrer Trottelköpfe klopfe. Oft kann ich jedoch davon ausgehen, dass solche Kunden zu uns ins Kino wollen, vor allem wenn sie einen entsprechenden Geldbetrag auf den Tresen legen. Habe ich einen guten Tag, breche ich das Schweigen und frage kurz nach: „Fürs Kino?“ Wenn dann „Ja“ als Antwort kommt, kassiere ich ab und alles geht normal weiter. Meistens. Es gibt nämlich auch Kunden, die „Ja“ sagen und mich nach dem Kassieren ganz entsetzt anbellen, dass sie doch nur Kleingeld gewechselt haben wollten. Freude schöner Götterfunken.

Ein weiteres, Augenrollen verursachendes Kundenexemplar, stellt der „Geldsack“ dar. Das sind Kunden, die irgendwas günstiges kaufen – oder gar nur ins Kino wollen – und dann beim Bezahlen erstmal lange in ihrer Brieftasche wühlen; aber so, dass man auch ja gut sieht, wieviele 50er, 100er und 200er Scheine sich darin tummeln. Gerne wird dann ein 200er Schein herausgenommen, um ihn dann sofort wieder mit einem bescheidenen Kichern sowie der Bemerkung zurückzustecken, dass man sich ja bei so vielen Scheinen auch mal vertun kann.
Erst nachdem man als Kassierer oder Umstehender die Möglichkeit gehabt hätte zwei mal den ganzen Brieftascheninhalt einzusehen und womöglich auch noch nach Farben und Wichtigkeit zu sortieren sowie sämtliche darin enthaltenen Notizen und Telefonnummern auswendig zu lernen, bezahlt der Kunde – passend – und geht.

Weiter gibt es welche, die ihre Idiotenpunkte aufgrund penetranter Neugier sammeln. Diese zeigt sich dadurch, dass die Kunden sich weit über den Tresen beugen, um in die Kasse zu schauen, während ich kassiere oder Geld wechsle. Das ist immer ein guter Moment für einen kräftigen zweihändig geführten Bud-Spencer-Ohrensauser, doch lieber frage ich dann was das bitte soll, worauf der Kunde mit der genialen Antwort auftrumpft: „Ich wollte nur sehen, was sie mir rausgeben“. „Hätte ich Ihnen eine Handvoll Bohnen rausgegeben, hätten Sie’s doch gemerkt, oder?“ lautet dann oft meine Antwort. Und die reicht in den meisten Fällen völlig aus, um den Kunden zurechtzuweisen.

Sehr beliebt sind auch die Kunden, die sich herüberbeugen und den Kassenbon selber abreissen wollen, am besten noch bevor er komplett ausgedruckt ist. Je nach Person, kann ich da sehr allergisch reagieren. Neben dem Standartausruf „Geht’s noch?!“, bietet solch eine Situation Gelegenheit für allerlei Angiftungen: „Macht Sie das geil?“ wäre eine davon. Erstaunlich wie doof manche bei so einer Frage schauen können. Zum Einsatz gekommen ist aber auch schon folgendes: „Fassen Sie noch einmal die Kasse an und die Kasse fast Sie an. Mit diesem Teil voran“ – dabei zeige ich ganz genüsslich auf den eckigen Metallsockel der Kasse.

Eine ganz eigene Kategorie bilden schließlich diejenigen, die nur hereinkommen, um dummes Zeug zu reden. Beispiele gefällig?

„Gibt’s hier auch Nutten?“
„Hab kein Geld dabei. Kann ich mir nur mal schnell einen runterholen?“
„Wo gibt’s denn hier in der Stadt geile Frauen?“
„Verkauft ihr auch Gras? Oder Papers?“
„Weißt du was? Schwul ist nur wer sich ficken lässt.“
„Habt ihr auch gebrauchte Dildos?“
„Geil Alter. Futten! Futten! Geil. Futten Alter. Futten! Geil.“
„Hast du vielleicht Lust dir was dazu zu verdienen?“
„Können sie mir vielleicht zwei Kondome leihen?“

Sind sie nicht toll, unsere Freaks? Fortsetzung folgt. Garantiert.