Von der Arbeit in einem Sexshop: Kein Herz für Nazis

Eine niveaulose Begegnung der dümmlichen Art ereignete sich neulich mal ausnahmsweise nicht mit irgendeinem senilen Trottel, sondern mit einem Trottel, der leider bei klarem Verstand war. Auch wenn das im Grunde einen Widerspruch in sich darstellt.
Ein junger Mann – groß, Mitte 20, Jeans und Lederjacke – ist gerade dabei sich im Laden umzuschauen. Ein paar DVDs scheinen es ihm besonders angetan zu haben und er überlegt wohl, welche er kaufen möchte. Ich für meinen Teil stehe angelehnt hinter der Verkaufstheke und beobachte das Ganze, während ich ein wenig zu der Musik aus unserer Anlage mit dem Fuß wippe. Es läuft gerade „Primo Victoria“ von Sabaton. Heavy Metal vom Feinsten, aber dezent genug, um in einem Sexshop gespielt werden zu können.
Plötzlich tritt der junge Mann an mich heran und fragt mich mit einem Seitenblick auf die Musikanlage: Ist das so Nazi-Rock? Ich gebe zu, diese Frage mag unter Umständen Sinn ergeben, da das Lied von der Landung der Allierten in der Normandie – vom sogenannten D-Day – handelt. Die Bezeichnung Nazi-Rock ist jedoch völlig Fehl am Platz – es sei denn man versteht kein Wort englisch und hört nur bestimmte Stichwörter heraus. Nachfolgend ein kleiner Auszug aus dem Text:

Through the gates of hell, as we make our way to heaven, through the Nazi lines, primo victoria. 6th of June 1944 – allies are turning the war. Normandy state of anarchy – overlord.

Ich bin also nicht verärgert über die Frage, sondern möchte gerade ansetzen zu erklären, was es mit dem Lied und dessen Text auf sich hat. Doch mein Gegenüber ist schneller. Weiter sagt er nämlich: Ey, keine Sorge, ich bin auch ein Kamerad. Jetzt war ich etwas irritiert, doch er lässt mir keine Zeit zum Nachdenken: Find ich mutig von dir sowas hier laufen zu lassen. Geil. Bei diesen Worten lächelt er sehr zufrieden und mir wird klar: Dieser Typ denkt wohl tatsächlich, nur weil man aus dem Song das Wort „Nazi“ deutlich heraushören kann, dass ich da Musik mit nationalsozialistischem Inhalt höre. Wie dumm kann ein Mensch denn sein? Ich runzle die Stirn und hole Luft, doch auch diesmal ist der junge Mann schneller. Er beugt sich leicht vor und haucht mir, immer noch von einem Lächeln begleitet,  folgende zwei Worte zu: Heil Hitler. Ich glaube ich flippe aus. Plötzlich scheint sein Lächeln überaus magnetisch auf Eisenstangen zu reagieren. Warum bloß? Doch da ist noch was anderes: Was bedeutet dieses warme Gefühl in der Magengegend? Geliebter Zorn, bist du es? Beherrsche dich bitte, hier sind überall Kameras.

So sagte ich zähneknirschend, nachdem ich einen Schritt zurückgegangen bin und mich in meinen Gürtel festgekrallt habe, nur folgendes: Du verstehst kein Wort englisch, oder?
Ne.
Das ist kein Nazi-Song. Da geht’s darum, wie den Nazis der Arsch aufgerissen wird.
Ähm… Und auf einmal lächelte er nicht mehr.
Und jetzt raus. Ich bin nicht dein scheiß Kamerad. Braunes Pack ist hier nicht erwünscht. Wobei dieses „hier“ frei wählbar ist. Entweder „hier“ im Laden, „hier“ in diesem Viertel, in dem sich viele Farbige und ausländische Prostituierte tummeln oder auch „hier“ in der Stadt. Das ist immerhin Karl Marx‘ Geburtsort, verdammt. Ich war so wütend und so voller Adrenalin, dass ich regelrecht zitterte. Ich merkte aber auch, dass der Kerl leichte Nervosität ausstrahlte. Vielleicht sah er ja, wie besagtes Adrenalin wie Lava aus meinen Augen tropfte und die Luft zwischen uns verbrannte. Auf jeden Fall verzog er sein Gesicht und ging schnellen Schrittes in Richtung Ausgang, um mir dann noch ein verächtliches „Tschüss du Arschloch“ entgegenzuraunen.

Nun könnte man als Außenstehender denken, ich wäre noch irgendwie auf diesen Spruch eingegangen. Doch mir war nur nach Lachen zumute: Denn wenn ich ein Arschloch bin, dann kann sich doch ein Stück braune Scheiße kaum geeigneter verabschieden, als mit eben jenen gewählten Worten. Klasse. Zorn und Freude liegen ja so nah beieinander.