Von der Arbeit in einem Sexshop: Jeder ist ein bisschen schwul

Small Talk mit Kunden ist nichts ungewöhnliches. Auch längere Gespräche mit Stammkunden sind eine willkommene Abwechslung. Allerdings versuchen immer wieder welche, eine Konversation in bestimmte anbaggernde Bahnen zu lenken. Das ist immer dann besonders auffällig, wenn das Gespräch im Grunde mehr einer Fragerunde gleicht.

Wie auch in folgendem Fall, als ein Kunde, den ich zuvor noch nie gesehen hatte, selbstbewusst den Laden betritt und nach ein paar Minuten zu mir grinsend herüber schlendert.

Na? Wie geht“s so? Na, das fängt ja gut an. Worauf das mal wieder hinauslaufen wird, ist ziemlich klar…
Gut, Danke. Ich frage bewusst nicht zurück.
Mir auch, hehehe. Er lächelt schief und lehnt sich locker gegen die Verkaufstheke, hinter der ich stehe. Bist du Student?
Ja.
Was studierst du denn?
BWL. Das ist natürlich gelogen.
Oh, interessant. Das habe ich auch mal studiert. Was für ein Zufall. Ich habe das Gefühl, das hätte er auch von Mineralogie oder Spongebobogie behauptet. Ist toll, ne? Ich sage nichts, hebe nur eine Augenbraue und verziehe die kurz die Mundwinkel. Und was macht er?
Stehst du auf Musik? Im Hintergrund läuft gerade Aerosmith.
Ne, die Musik muss ich hören.
Haha, Scherzkeks. Was hörst du denn so privat? Ich atme tief ein und aus. Der Kerl nervt, aber ich will noch nicht unhöflich werden…
Das gleiche. Meine Antwort fällt ein wenig schnippisch aus.
Oh, ich auch. Was für eine Überraschung. Magst du Kino?
Nein. Ich verdrehe die Augen und wende mich ab, fange an unter der Theke zu kramen. Außer mit Worten, kann ich es wohl nicht offensichtlicher machen, dass ich keinerlei Interesse an diesem Gespräch habe.
Oh… Wie heißt du denn?
Geht Sie nichts an.
Oh… Ich bin der Rüdiger. Er streckt mir die Hand aus, die jedoch nur Luft greift. Nach gefühlten 20 Sekunden zieht er sie wieder zurück, um die alles entscheidende Frage zu stellen:
Bist du schwul?
Nein, bin ich nicht.
Bist du dir sicher? Hm, mal eine andere Gegenfrage als „warum denn nicht?“. Nichtsdestotrotz genauso bescheuert.
Was?
Noch keine Männererfahrungen gemacht?
Erstens: Ich wüsste nicht, was Sie das angeht. Zweitens: Das Gespräch ist hiermit beendet.
Gut, kein Problem. Wollte mich nur ein wenig unterhalten. Nach diesem final klingenden Satz erwarte ich, dass er endlich verschwindet. Was allerdings nicht passiert.
Und?
Und was?! Mein Ton ist rauher geworden. Es reicht.
Bist du neugierig auf neue Erfahrungen?
Mann, geht’s noch? War ich vorhin nicht deutlich genug?! Sie gehen jetzt besser, ist das klar?! Er setzt eine beleidigte Miene auf und geht einen Schritt zurück, nur um sich dann leicht vorzubeugen, mit dem Finger auf mich zu zeigen und giftig zu zischen:
Tsss! Nur dass du’s weißt: Jeder ist ein bißchen schwul. Tschüss dann, ne?

Ach, sieh an. Man lernt auch in so einem Job nie aus.

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