Von der Arbeit in einem Sexshop: Hallo Süßer!

Ich habe aufgehört zu zählen. Jeder von uns Kollegen hat das. Abgesehen von dem neusten Zugang, der erst seit ein paar Monaten bei uns arbeitet und immer noch eine Liste führt. Doch auch er wird irgendwann damit aufhören.

Worum es dabei geht? Um die zahlreichen Flirtversuche von Kunden, die es nicht lassen können uns aufreizenden jungen Kerlen hinter der Kasse Angebote über Angebote zu machen. Man könnte so etwas immer als Kompliment ansehen, natürlich. Doch gibt es einfach Komplimente, die man nicht gerne hören möchte. Oder von der falschen Person kommen: Hallo, junge Frau, Sie haben wunderschönes Haar. – Oh, Danke. – Ja, so schön, dass ich es gerne abschneiden und in einer Kiste unter meinem Bett aufbewahren möchte. Mal ehrlich, auf solche Zeichen der Zuneigung kann man verzichten. Und wenn sie nicht gerade von irgendwelchen kaputten Freaks kommen, dann sind sie meist plump, dämlich und unappetitlich.

Ob etwas davon auf die folgende Erzählung zutrifft, kann der Leser für sich selbst entscheiden:

Ein Mann um die 50, mit unauffälligem Gesicht, gekleidet in Jeans und einen dunkelroten Pullover, der etwas zu straff über den kugeligen Bauch gezogen ist, betritt das Geschäft und geht sehr eilig an mir vorbei. Als er die Kinotür erreicht, halte ich ihn auf:

Entschuldigung? Haben Sie einen Stempel? Bei unserer Tageskarte ist es üblich, dass man einen farblosen und unter Schwarzlicht fluoreszierenden Stempel auf die Hand bekommt, wenn man gehen und später zurückkommen möchte. Der Kunde bleibt stehen und dreht sich um.
Ähm, ja… Ich war doch schon hier, sagt er und kommt auf mich zu.
Kann mich nicht an Sie erinnern, daher muss ich den Stempel kontrollieren. Was ich auch mache, wenn er vor mir steht. Auf seinem Unterarm leuchtet unter der kleinen Schwarzlichtlampe unser hellblauer Stempel. Alles OK.
Sie haben mich wirklich vergessen? fragt der Kunde lächelnd, während er seinen Ärmel wieder herunterkrempelt.
Tut mir Leid, ich merke mir hier nicht jedes Gesicht.
Aber ich hab mir Ihr Gesicht ganz gut gemerkt. Sein Lächeln mutiert zu einem breiten Grinsen.
Ah ja… Das ist alles, was ich mit absichtlich tiefer und murmelnder Stimme herausbringe. Gleichzeitig bin ich gespannt, ob das schon alles war.
Ja, so ein schnuckeliges Gesicht vergesse ich nicht. Da haben wir es also. Ich bringe ein kurzes gequältes Lächeln zu Stande und nicke leicht mit hochgezogenen Augenbrauen, tief einatmend und einen unüberhörbaren langen Seufzer ausstoßend, wärend meine Blicke zuerst an die Decke und dann schließlich mithilfe einer Kopfdrehung sich ganz vom Kunden abwenden. Ein normaler Mensch hätte die Geste verstanden, die übersetzt lautet: Danke, aber du bist bei mir an der falschen Adresse gelandet. Ich bin nicht interessiert. Ciao. Wie gesagt, ein normaler Mensch.
Du bist ein ganz Süßer, weißt du das? fragt er und beißt sich dabei auf die Unterlippe, wie ich erkenne, als ich mich ihm wieder zuwende. Stirnrunzelnd möchte ich nun die Sachlage klären, komme aber leider nicht dazu:
Hören Sie, –
Hast du schon einen Steifen? Ich schon, sagt er grinsend und sich immer noch auf die Unterlippe beißend.
Das reicht jetzt, OK?! stoße ich genervt aus und mache mit der Hand die typische wedelnde Bewegung, um jemandem zu zeigen, dass er sich zu entfernen habe. Das tut der Kunde auch glücklicherweise, jedoch nicht ohne eine wichtige Ergänzung zu machen.
Hehe, wenn du’s dir anders überlegst, weißt du, wo du mich finden kannst. Und mit diesen Worten verschwindet er schließlich ins Kino.

Nein, ich kann das nachwievor nicht als Kompliment ansehen…

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