Von der Arbeit in einem Sexshop: Fremdschämen

Wer kennt es nicht, das merkwürdige Schamgefühl, das einen überkommt, wenn jemand in unmittelbarer Nähe etwas tut, das einem selbst peinlich wäre? Man schämt sich für eine fremde Person, obwohl man eigentlich gar keinen Grund hätte. Verrückt.

Und mehr als verrückt war auch folgende Situation, die mich seit langer Zeit mal wieder mit diesem seltsamen Gefühl des Fremdschämens zusammenbrachte:

Die Tür zu unserem Kino wird aufgerissen und ich sehe wie ein Kunde es sehr eilig zu haben scheint. Er stürmt regelrecht an mir vorbei, raunt mir noch ein leises „Tschüss“ zu und verlässt schließlich den Laden. Irgendeinen Termin verpasst? Anruf von der erbosten Frau bekommen? Nein, viel schlimmer, wie ich nur wenige Sekunden später mitbekommen darf:

Ein weiterer Kunde, etwas älter und einer von der Sorte, die als Anschauungsmaterial für ein Ekel-Seminar dienen könnte, reisst ebenfalls die Kinotür auf und ruft sehr laut: „Warte doch!“. Diese Worte müssen wohl an den jüngeren Mann von vorhin gerichtet sein, der allerdings das Geschäft bereits verlassen hat. Das fällt dem älteren auch sofort auf, also rennt er schnell nach draußen.

Was zum Teufel passiert hier?

Diese Szene erscheint mir äußerst bizarr, also trete ich ebenfalls vor die Tür, um mir das mal anzuschauen. Es ist hell, da noch früher Nachmittag, und es sind durchaus viele Menschen unterwegs. Von dem jüngeren Mann ist jedoch nichts mehr zu sehen. Der ältere allerdings blieb vor unserem Geschäftseingang stehen und nun kann ich beobachten wie er mit den Armen fuchtelt und mit voller Inbrunst die Straße entlang schreit: „Warte doch! Du kannst alles mit mir machen! ALLES! Du kannst mich benutzen wie du willst, komm zurück!“

Natürlich kommt er nicht zurück. Stattdessen drehen sich alle Passanten nach ihm um. Und nach mir. „Was ist denn das für ein kranker Laden?“, steht in ihren Gesichtern geschrieben und ich möchte am liebsten im Boden versinken.

Dabei würde ich doch viel lieber diesem alten Bock den Hals umdrehen… Egal, es muss ja nicht jetzt sofort sein.

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