Von der Arbeit in einem Sexshop: Ein ganz normaler Tag

Es war einer dieser Tage, an denen man am liebsten im Bett geblieben wäre: Man steht auf und merkt wie unaufgeräumt die Wohnung ist, ärgert sich jedoch darüber, dass man schon wieder keine Zeit hat sich darum zu kümmern. Man atmet tief durch, geht ins Bad und bekommt einen Schrecken, weil die Glühbirne sich beim Betätigen des Schalters mit einem lauten Knall ins Jenseits verabschiedet. Nun ja, wenigstens ist man dann richtig wach. Man verrichtet also seine morgentlichen Geschäfte im Dunkeln, möchte sich danach schick anziehen, stellt aber leider fest, dass das Lieblings-Shirt noch in der Wäsche ist.

Daraufhin macht man zur Ablenkung den Fernseher an und der erste, der einem einen guten Morgen wünscht, ist der SMS-Guru. Wunderbar. Nachdem somit endgültig der Appetit fürs Frühstück verdorben ist, entschließt man sich einfach nur noch wegzugehen, was sich dann sogar als weise Entscheidung herausstellt, da man bereits spät dran ist. Arbeit wartet nämlich. Zu allem Überfluss begrüßt einen draußen ein Sommer, der sich nicht entscheiden kann, ob er kündigen und einen Job als Aushilfsherbst annehmen soll. Ein Umstand, der leider für ein wenig Gänsehaut sorgt, da man vorher vergessen hat das Wetter zu überprüfen und es jetzt selbstverständlich zu spät wäre nochmal umzukehren. Egal, man fährt ja vorbildlich mit dem Bus und darin ist es immerhin schön warm. Normalerweise. Dies war ja einer dieser besonderen Tage und so herrscht im Bus natürlich nicht nur eine niedrigere Temperatur als im Freien, sondern man muss zusätzlich noch Geschrei von gefühlten sieben Dutzend Babies und den Geruch von Menschen mit kaputten Schweißdrüsen ertragen. Wie passend, dass ausgerechnet an solchen Tagen sich alle gehbehinderten Rentner der Stadt dazu entschließen ebenfalls Bus zu fahren und der Busfahrer dann auch noch jemand ist, der jedesmal freundlich wartet bis die Zeitlupenfetischisten sicher sitzen, bevor er weiterfährt. Schade, ein paar Stürze hätten für gute Ablenkung gesorgt. Ablenkung war jedoch ein gutes Stichwort: Bei der Arbeit würde ich bestimmt viel davon gebrauchen können.

Dachte ich zumindest. Entgegen aller Vorzeichen, verlief der Arbeitstag nämlich äußerst entspannt, sodass ich mich schon fast damit abgefunden hatte, diesmal keine Idioten abfertigen zu müssen. Doch wie lautet das schöne Sprichwort? Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben…

Der Störfaktor, der da plötzlich auftauchte, war ein extrem überparfümierter Mann um die 40, der sich so langsam und gleichmäßig bewegte, dass ich nachschauen musste, ob er sich nicht auf Rädern fortbewegt. Aber bis auf die Tatsache, dass er wohl täglich Parfüm trinkt und ausschwitzt, schien er im Grunde harmlos und unauffällig, wären da nicht noch ein überaus nervöser Blick und merkwürdig zuckende Mundwinkel gewesen. Ich wusste sofort: Den muss ich im Auge behalten. Wer sich so verstohlen umschaut und umherschleicht, als würde er durch die Luft schweben, ist entweder nicht ganz dicht oder will seiner Tätigkeit als Ladendieb nachgehen.

Ein Ladendieb. Wäre das nicht herrlich? Endlich. Die Eisenstange unterm Tresen nervt mich schon seit Ewigkeiten mit ihrem Gejammer noch nicht richtig benutzt worden zu sein. Und jetzt hechelt sie freudig erregt wie ein kleiner Welpe, der weiß, dass er gleich ein Leckerli bekommt.

Doch ich vergaß, heute war ja einer dieser besonderen Tage und so freute ich mich auch dieses mal zu früh. Der seltsame Mann mit dem nervösen Blick kam nämlich plötzlich auf mich zu, setzte ein unfassbar dämliches Grinsen auf und sagte mit einer piepsigen Stimme:

„Moin. Sind Sie schwul?“

Ich gebe zu, ich war überrascht. Was sollte ich antworten? Einfach nur „Nein“ sagen? Ihn fragen, was er sich von meiner Antwort erhofft? Nichts sagen und ihn bloß mürrisch anschauen, ganz nach dem Motto, dass ein Blick mehr als Tausend Worte sagt? Ich entschied mich für was anderes:

„Gegenfrage: Sind Sie ein Idiot?“

Er antwortete jedoch nicht. Musste er auch nicht, es war ja schließlich eine rhetorische Frage. Stattdessen efror sein Grinsen und ich konnte eine leichte Röte in seinem Gesicht aufsteigen sehen. „Erwischt“, dachte ich mir und fixierte seinen inzwischen verstörten Blick mit dem meinen, bis er ganz schnell den Laden verlies. Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube dabei ein trauriges Schluchzen von ihm vernommen zu haben…

Wäre ich doch bloß im Bett geblieben.