Von der Arbeit in einem Sexshop: Die Oma

Eine Frau in einem Sexshop ist bereits ein ziemlich seltener Anblick, aber eine alte Frau jenseits der 60 kann man schon durchaus als eine Art Kuriosität bezeichnen, wenn sie mal solch einen Laden betritt. Die Frau jedoch, die letztens ihren Fuß in unser Geschäft setzte – natürlich während ich Dienst hatte – war mehr als nur eine simple Kuriosität.

Es begann damit, dass ich routinemäßig mal wieder über einen unserer Überwachungsmonitore mitbekam, wie eine ältere Person sich bei den Videokabinen umschaut. Also nichts besonderes. Doch als ich genauer hinsah, wurde ich stutzig: War das etwa eine Frau? Nein, konnte nicht sein, die müsste ja weit über 60 sein. Und es wäre auch immerhin nicht allzu ungewöhnlich gewesen, wenn sich bei uns mal wieder ein Mann herumtreibt, der auf seine alten Tage in Frauenkleidern geschlüpft ist, um seinen Neigungen freien Lauf zu lassen.
Doch ich lag tatsächlich mit meiner ersten Vermutung richitg. Es war eine Frau. Als sie den Bereich der Videokabinen verließ und den Geschäftsraum betrat, konnte ich sie deutlich wahrnehmen. Sie hatte eine Brille auf der Nase, eine schicke Wollmütze auf dem Kopf, war insgesamt gut gekleidet und gepflegt. Und weit über 60. Mindestens. Das eingefallene Gesicht mit den vielen Furchen und der papiernen Haut um die halbtoten Augen sprach für sich. Mit diesem Teil der Vermutung hatte ich also ebenfalls Recht.

Ich gebe zu, ich war über solch einen Besuch nicht nur überrascht, sondern vor allem auch beeindruckt, und zwar über den Mut dieser rüstigen Seniorin. So eine Kundschaft ist nun mal nicht gerade alltäglich und so schwang durchaus viel Respekt in meiner Begrüßung mit. Nach einem überaus freundlich erwiderten „Guten Tag“, überraschte sie mich ein wenig, indem sie sich schnurstracks zu den Zeitschriften begab und scheinbar zielgenau zu blättern anfing. Sehr scheu war sie also nicht. Seite für Seite nahm sie sich allerlei Hardcore-Magazine vor, bis ich mich schließlich entschloss auf sie zuzugehen, um nachzufragen, ob ich irgendwie behilflich sein könnte:

„Kommen Sie alleine zu Recht oder kann ich Ihnen vielleicht weiterhelfen?“ Sie senkte die Arme und schaute mich lächelnd an. Dann erhob sie mit einem sehr hohen krächzenden Ton ihre Stimme und sagte den Satz, der mir noch lange im Gedächtnis bleiben sollte:
„Ich möchte richtig gefickt werden“ Oh. Mein. Gott. Bitte nicht. Ich habe wirklich mit allem gerechnet. Ich war sogar darauf eingestellt sie über die bizarrsten Fetische zu informieren. Aber auf so eine Antwort war ich nicht vorbereitet. Schüchtern war die Dame also auch nicht. Ganz und gar nicht. So hatte sie mich leicht aus dem Konzept gebracht und nach gefühlten fünf Minuten peinlicher Stille, brachte ich nur folgende Worte heraus:
„Aha… Viel Glück“ Dabei drehte ich mich wieder um und ging zurück hinter die Verkaufstheke. Die alte Frau dagegen blätterte weiter ungestört in der Zeitschrift herum, die sie in ihren Händen hielt. Ich aber versuchte immer noch die Situation richtig einzuschätzen. Meinte sie das etwa ernst? Sollte ich sie vielleicht nochmal darauf ansprechen, dass ihr Wunsch mit dem Kauf einer Kinokarte leicht zu erfüllen wäre? Immerhin gibt es Kunden in unserem Erotik-Kino, die es so nötig haben, dass sie sogar eine rohe Leber besteigen würden. Da wäre eine willige Rentnerin doch mal eine tolle Abwechslung. Oder sollte ich sie wenigstens auf die Kontaktmagazine hinweisen? Fragen über Fragen, die jedoch sofort abgeschüttelt wurden, als die Dame erneut ihre Stimme erhob. Mir eine Zeitschrift entgegenhaltend sagte sie:
„Sowas können Sie bestimmt nicht gebrauchen“ Ich war etwas verunsichert.
„Was genau meinen Sie?“
„Na solche Zeitschriften. Sie haben lieber was echtes in den Händen, oder?“ Natürlich. Aber das war zu dem Zeitpunkt irrelevant, denn die Art wie sie das sagte, ließ mich erschaduern. Sie kicherte dabei, grinste breit und starrte mich mit einem Blick an, der ihren Wunsch von vorhin plötzlich in eine fürchterliche Drohung verwandelte. Wobei: Starrte sie überhaupt mich an? Ich hatte eher das Gefühl sie schaute mit ihren glasigen Augen durch mich hindurch – oder nur durch meine Kleidung? Um Himmels Willen. Was passierte hier? Also sagte ich, von einem leichten Kopfschütteln begleitet, das einzig richtige in diesem Moment:
„Kommt drauf an…“ Weiter grinsend legte sie daraufhin die Zeitschrift zurück ins Regal und verabschiedete sich prompt mit den Worten:
„Ich komm dann ein anderes mal wieder“ Wunderbar, ich freue mich darauf.