Von der Arbeit in einem Sexshop: Die Gummipuppe

Gummipuppen. Jeder kennt sie. Jeder weiß, wie sie aussehen. Doch niemand, der die sexy Schlauchbootfrauen benutzt, hat jemals selbst eine gekauft. Immer wird nämlich ein Freund mit der Angelegenheit beauftragt. Natürlich.

Nicht jedoch der Kunde, der eines Abends den Auslöser für jede Menge Gänsehaut darstellen sollte. Der Mann hatte ganz genaue Vorstellungen und fackelte nicht lange, als er mir in aller Ausführlichkeit beschrieb, wie die Gummipuppe seiner Träume aussieht. Solche Kunden sind grundsätzlich sehr willkommen, denn mit diesen Menschen kann man zumindest ein ganz normales Verkaufsgespräch führen, ohne ständig darauf hingewiesen zu werden, dass die Puppe ja wirklich, ernsthaft, ohne Spaß, tatsächlich, echt jetzt nur für ein Freund ist. Ich zeigte ihm also unser Sortiment und empfahl ihm ein Produkt, das seinen Vorstellungen am nächsten kam. Er bezahlte, bedankte sich und verschwand mit der Puppe in eine unserer Videokabinen. So weit so unspekatkulär. Es ist nämlich nicht unüblich, dass sich Menschen gewisse Hilfsmittel bei uns kaufen, nur um sie dann bei einem spannenden Actionfilm in einer Kabine direkt zu benutzen.

Merkwürdig sollte es erst später werden. Nach mehreren Stunden unterhaltsamer Arbeitszeit, folgte ich der Routine, im Kabinengang nach dem Rechten zu sehen. Nicht um an geschlossene Türen zu klopfen und zu fragen, ob alles zur Zufriedenheit läuft – oder steht, sondern in erster Linie, um nachzusehen, ob in einer Kabine mal wieder jemand Geld liegen gelassen hat und – worum es nach unserem Chef aber hauptsächlich geht – um groben Müll wie Zigarettenschachteln oder eben Puppenverpackungen zu entfernen.

Geld habe ich an diesem Abend keins gefunden und auch sonst war alles in Ordnung. Bis auf eine Ausnahme: Ich fand die Puppe, die ich zuvor verkauft hatte. Allerdings aufgeblasen und eindeutig benutzt. Die arme Frau stand da unbeholfen mit aufgerissenem Mund und starrte mich aus leeren Augen an. Ich starrte zurück, denn ich glaubte nicht, dass ich einmal Mitleid mit einer Gummipuppe haben würde. Sie war bedeckt mit mehreren verklebten Taschentüchern und einer glänzenden Flüssigkeit, die großzügig verteilt war und in Anbetracht unseres Aufenthaltsortes kein Zweifel an ihrer Zusammensetzung ließ. Zudem roch es verdächtig nach Urin. Tatort Videokabine – der schamlose Missbrauch unschuldiger Gummipuppen. Mit anderen Worten: Das arme Ding war total eingesaut.

Dementsprechend stand es auch nicht zur Debatte, dass ich die Puppe anfassen würde. Dieses besondere Geschenk war für die Putzkolonne am nächsten Morgen bestimmt. Also schüttelte ich kurz meine Irritation ab und ging zurück an meinen Verkaugstresen. Es waren eh nur noch zwei Stunden bis Feierabend und angespannte Kabinenkunden hatten immerhin noch genug andere Kabinen zur Verfügung, um sich handwerklich zu entspannen.

Doch obwohl diese Entdeckung bereits durchaus verrückt war, stellte sie nicht den Höhepunkt dieses Abends dar. Denn das Schicksal der Puppe sollte noch einiges für sie bereithalten. Als ich kurz vor Feierabend noch einen letzten Kabinengang machte, um mich natürlich auch von der Puppe zu verabschieden, stellte ich zu meiner Überraschung fest, dass sie verschwunden war. Verwirrung, Gleichgültigkeit und Ekel machten sich nacheinander in mir breit, denn die einzige mögliche Schlussfolgerung lautete, dass sie irgendjemand mitgenommen haben musste. Argh…

Selbst eine frisch benutzte, verklebte, bepinkelte Gummipuppe kann also noch ein neues Zuhause finden. Ich glaube, sowas nennt man dann Happy End. Oder?

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