Von der Arbeit in einem Sexshop: Der Wanzenmann

Diverse Körperflüssigkeiten an möglichst unangebrachten Stellen, Gerüche aus der Hölle oder schlicht und ergreifend dummdreiste Charaktere, die es in einer perfekten Welt nur in Wahnvorstellungen geben würde. Ja, ich habe viele merkwürdige, unwirkliche Dinge erlebt und gesehen. So viele, dass ich bald der Meinung war, nichts könne mich mehr schocken. Ich lachte triumphierend, wie ein Verrückter, der seinen verhassten imaginären Feind gerade mit einer imaginären Gabel erstochen hatte und brüllte das Universum an, ob das schon alles gewesen sei, was es bieten konnte. Doch dann passierte etwas, womit ich nicht gerechnet habe: das Universum antwortete.

Ein Kunde, der bereits beim Betreten unseres Geschäftes einen unappetitlichen Eindruck machte, war gerade dabei seine Kinokarte zu bezahlen. Der Mann war seinem Aussehen nach um die 50 Jahre alt, roch aber mindestens wie 150. Er bereicherte die Luft mit diesem ganz speziellen bitter-süßlichen Modergeruch, eine Mischung aus Kellerfeuchtigkeit und Mottenkugeln aus dem 19. Jahrhundert, den alte Menschen nach Überschreiten ihres Haltbarkeitsdatums gerne verbreiten. Also im Grunde nichts besonderes. Ich war schlimmeres gewohnt und darüber hinaus quatschte er keinen Unsinn, sondern gab sich durchschnittlich zivilisiert.

Dann jedoch sollte der Moment eintreffen, der mir nach Jahren wieder einen eiskalten Schauer nach dem anderen über den Rücken jagte. Der Kunde streckte seinen Arm aus, um von mir die Kinokarte entgegenzunehmen und da sah ich, wie unter dem kurzen Ärmel seines Hemdes ein schwarzer Punkt hervorkrabbelte und sich langsam den Oberarm hinabbewegte. Als ein Mensch, der Hygiene nicht abgeneigt ist, brauchte ich die Zeit bis ein zweiter schwarzer Punkt dem ersten hinterherlief, um zu realisieren, was da gerade passierte. Zwei – nein, in der Zwischenzeit drei Wanzen verließen wohl unter dem einladenden Licht unseres Ladens die kuschelige Achselhöhle und gingen auf eine kleine Entdeckungsreise. Oder machten einen Verdauungsspaziergang. Wer weiß. In dem Augenblick war mir das jedoch völlig egal, denn mir ging nur ein einziger Gedanke durch den Kopf: Aaaaaaargh!

Ich war wie gelähmt und doch schüttelte es mich überall. Ein sehr unangenehmes Gefühl, das von einem urplötzlichen Phantomjucken am ganzen Körper begleitet wurde. Ich sagte nichts, ließ den Mann und seine Begleiter ins Kino gehen und fing an, mich zu kratzen. Die Frage, ob es richtig war, ihn nicht rausgeschmissen zu haben, stellte ich mir leider viel zu spät. Niemals wäre ich ihm ins dunkle Kino gefolgt, wo die Gefahr bestand, von blutsaugenden Monstern – und jetzt auch noch von widerlichen Wanzen – angefallen zu werden. Zudem war der Feierabend nicht mehr weit entfernt und hey – auch Insekten mögen Pornos. Oder?

Was für ein schwacher Trost.

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