Von der Arbeit in einem Sexshop: Das Gesetz der Regel

Wenn man im Laufe des Tages mehrmals seinen Durst löscht, dann muss auch irgendwann die Toilette aufgesucht werden. Und da ich bei einer politischen Wahl niemals für einen Volltrottel stimmen würde (Viele Grüße nach Hessen), sprich stubenrein und gut erzogen bin, gehöre ich zu den Menschen, die ihre Notdurft am liebsten an dem dafür vorgesehenen Ort verrichten. So wie auch an jenem kalten Dezemberabend, als mich ein Kunde mal wieder an den Rand des Wahnsinns brachte.

Ich war höchstens zwei oder drei Minuten auf der Toilette, als ich herauskam und noch rechtzeitig sehen konnte, wie jemand dabei war, unser Erotik-Kino zu betreten. Entschuldigung? Dürfte ich bitte Ihre Karte sehen? Hoffentlich ist das nicht schon wieder jemand, der sich reinschleichen möchte, dachte ich, aber da drehte er sich zu mir um und antwortete – in einer gleichmäßigen, fast lethargischen Tonlage: Ich habe keine Karte. Da stand er nun also vor der Kinotür: Ein alter Mann um die 70, leicht nach vorne gebeugt, mit einem rundlichen Gesicht und großen Augen, die erschreckend weit aus ihren Höhlen hervortraten. Jemand Gemeines würde da von riesigen Glubschaugen sprechen. Ich dagegen musste spontan an einen verstrahlten Mutantenfrosch denken.
Wenn Sie da reingehen wollen, müssen Sie Eintritt bezahlen. Dabei bewegte ich mich langsam zur Verkaufstheke, in dem Glauben, der Kunde würde mir folgen, damit er bei mir seine Kinokarte kaufen könne. Dummerweise hatte ich aber leider völlig vergessen, dass heute Senile-Idioten-Bringen-Paramantus-Auf-Die-Palme-Tag war, sodass es mich ziemlich überraschte, was der alte Mann auf einmal sagte: Nein, ich muss nicht bezahlen. Ich blieb stehen und drehte mich zu ihm um. Er hatte sich keinen Zentimeter bewegt, sondern stand immer noch vor der Kinotür und legte dreisterweise zusätzlich die Hand auf die Klinke. Er meinte es wohl ernst.
Wie bitte? Ich war verwirrt und gereizt zugleich. Doch, wenn Sie da reingehen wollen, dann müssen Sie Eintritt bezahlen.
Es war aber niemand da…
Was ist denn das für ein Argument? Sie hätten doch kurz warten können.
Nein, muss ich aber nicht… Sie waren nicht da… Er sprach wohlgemerkt weiterhin mit dieser einschläfernden, monotonen Stimme. Man hätte meinen können, er wolle mich hypnotisieren.
Ich war doch gerade mal zwei Minuten weg.
Da kann ich doch nichts dafür. Seine Worte waren schwerfällig und beängstigend ruhig. Mir dagegen reichte es.
Entweder Sie bezahlen jetzt, wenn Sie ins Kino wollen, oder verschwinden! Da schien er plötzlich einsichtig geworden zu sein, denn er bewegte sich auf mich zu und wir beide gingen zur Kasse. Das dicke Ende sollte aber noch kommen und so war ich nicht mehr ganz so überrascht, als der Kunde erneut seinen Mund aufmachte:
Wissen Sie, es ist doch das Gesetz der Regel, dass man einfach durchgehen kann, wenn niemand an der Kasse steht. Dass ich jetzt zahlen muss, ist nicht fair. Das war nun endgültig der berühmte Tropfen, der das Geduldsfass zum Überlaufen brachte.
Es ist hier auch das Gesetz der Regel, dass ich dummen Leuten eine reinhaue, wenn sie mich verscheißern wollen! Eigentlich lautet das Gesetz, dass ich solche Leute rausschmeiße und ihnen Hausverbot erteile, aber ich wollte mich nicht korrigieren. Und so konnte der alte Mann von Glück sagen, dass er doch noch seinen Kinoabend bekam.