Von der Arbeit in einem Sexshop: Christian

Betrunkene Kunden sind bei uns insbesondere in den Nächten am Wochenende kein seltener Anblick. Zwar handelt es bei den meisten nur um harmlose Spinner oder widerliche Perverse, doch Vorsicht ist trotzdem immer geboten. Schließlich sind Betrunkene unberechenbar. Sie verlieren das Gleichgewicht, stolpern, stinken oder lassen sich überteurte Ladenhüter andrehen. Man sollte also in jedem Fall sehr aufmerksam sein. Zu allem Überfluss kann leider auch niemand ausschließen, dass der Teppichboden von einer Sekunde auf die andere mit fantasievollen Verzierungen aus einem hochkonzentrierten Bier-Magensäure-Mix geschmückt wird. Und da unser Chef sich bis heute weigert, uns für solche Fälle einen Sack Streugut zur Verfügung zu stellen, sondern darauf besteht, dass das Geschäft sauber gehalten wird, müssen wir Mitarbeiter ausnahmsweise beide Augen offen halten, wenn Betrunkene da sind.

So war ich dementsprechend mal wieder auf alles gefasst, als ein offensichtlich stark alkoholisierter Mann den Laden betrat und auf mich zutorkelte. Er war um die 40 und trug helle, sommerliche Kleidung, auch wenn die dichten Brusthaare, die aus dem Ausschnitt seines Shirts herausragten, eher für einen Winterausflug sprachen. Ich befand mich hinter meiner sicheren Theke, seufzte einmal schwer und drehte die Musik leiser, um das Nuscheln der traurigen Gestalt vor mir besser zu verstehen.

He… Nabend… Er schwankte stark, konnte sich aber noch aus eigener Kraft auf den Beinen halten
Guten Abend. Was darf’s sein? Kino? Bei Betrunkenen sollte man immer versuchen auf den Punkt zu kommen, sonst fangen sie an abzuschweifen und persönlich zu werden. Manchmal passiert es aber so oder so. Er lächelte und starrte mich lediglich an.
He… Nabend… sagte er erneut und streckte mir die Hand zum Gruß aus. Was soll’s, dachte ich mir. Er kam ja von draußen und nicht aus dem Kino, also gab ich ihm die Hand und schüttelte sie.
Guten Abend.
He… Ja… Kino noch frei?
Ja, Sie können noch reingehen, wenn Sie möchten.
Cool… Er holte aus seiner Hosentasche einen Bündel Geldscheine heraus, um mühselig einen passenden Schein herauszuschälen. Ich hab’s. Hier… Und während er bezahlte und ich bereits damit rechnete, dass er so schnell wie möglich ins Kino verschwindet, machte er erneut den Mund auf: Wie heißt du eigentlich? Oh je… Diese Frage wird einem erstaunlich oft gestellt und ich zumindest habe es mir angewöhnt niemals einem Kunden meinen richtigen Namen zu verraten. Und da ich nicht unhöflich sein wollte, nannte ich einfach den Namen eines Kollegen, mit welchem ich noch vor nicht allzu langer Zeit gesprochen hatte.
Äh, ich heiße Christian.
Cool… He… Das ist ein cooler Name. Gefällt mir. Und da nahm er seinen Geldbündel zur Hand und schob daraus einen Fünf-Euro-Schein in meine Richtung. Hier, für dich. Weil du so’n coolen Namen hast. Daraufhin nahm er seine Kinokarte und torkelte ins Kino hinein.

Ob ich für meinen echten Namen mehr bekommen hätte? Oder weniger? Oder sogar nichts? Egal, ich werde in Zukunft weiterhin einen falschen Namen nennen, wenn ich danach gefragt werde. Mal sehen, wieviel Geld mit Melchisedech zu holen ist…

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