Türkei: Erdogan lässt aus Versehen Korruption verbieten

Nachdem die türkische Regierung den Zugang zu Twitter und Youtube sperren ließ, stellte sie auch nach den Kommunalwahlen weitere Verbote in Aussicht. Nicht nur von Kritikern wurden die Sperren jedoch als reine Willkür verurteilt, die lediglich eine Machtdemonstration darstellen sollen. Keine abwegige Theorie, wie es scheint, denn in seinem Verbotswahn ließ Ministerpräsident Recep Erdogan nun versehntlich die Korruption verbieten.

Laut Regierungssprecher Izmir Übül wurden beim letzten Brainstorming über mögliche Verbote auch Scherzbegriffe wie Folter, Diskriminierung oder eben Korruption in den Raum geworfen. „So ist es dazu gekommen, dass unglücklicherweise der Verbotsantrag gegen die Korruption auf Erdogans Schreibtisch gelandet ist“.

Erdogan selbst ist sich indessen keiner Schuld bewusst. „Es war tatsächlich bloß ein dummes Versehen“, beteuert er. Im vollsten Vertrauen zu seinem Regierungskabinett habe er natürlich das Dokument unterschrieben, ohne es sich genau durchzulesen. Dennoch werden nun immer mehr Demokratievorwürfe gegen ihn laut. Angeblich waren im Internet in den vergangenen Wochen mehrere Mitschnitte von mutmaßlichen Telefonaten Erdogans aufgetaucht, in denen der islamisch-konservative Ministerpräsident seinen Sohn dem Anschein nach dazu auffordert, unbestechlich zu bleiben. Die Echtheit eines solchen Telefonats hat Erdogan aber bislang nicht bestätigt.

Der Schock in Beamtenkreisen sitzt tief. Besonders Richter und Polizisten sehen ihre Ideale betrogen. „Autoritäres Gehabe hat es in der Türkei schon immer gegeben, aber jetzt macht sich Erdogan weltweit lächerlich“, wird ein Istanbuler Poliziekommissar zitiert. Zudem hat bisher keiner der Verantwortlichen aus diesem Vorfall Konsequenzen gezogen, was selbst regierungsfreundliche Zeitungen dazu bringt, satirische Karikaturen zu veröffentlichen. Das Blatt „Sözcü“ druckte zum Beispiel auf ihrer Titelseite eine Zeichnung ab, die Erdogan als Sultan zeigt, der einem personifiziertem Geldsack den Zutritt zum Palast verwehrt.

Die Bevölkerung reagiert allerdings erstaunlich gelassen. Ungeachtet des Skandals, ist nach derzeitigen Umfragen die Position Erdogans und die seiner Partei als stärkste politische Kraft des Landes nicht gefährdet.

twitter erdogan