Rente 21

In Frankreich gehen die Menschen auf die Straße, weil das Renteneintrittsalter von 60 auf 62 erhöht werden soll. Dabei werden jedoch keine Gelöbnisse vorgelesen, sondern wild aufeinander eingeprügelt. Die wütenden Franzosen zeigen der Welt ein weiteres mal, wo der vererbte Revolutionshammer hängt.

Szenenwechsel: In Deutschland soll das Renteneintrittsalter von 65 auf 67 erhöht werden. Doch hierzulande geht niemand auf die Straße. Niemand stoppt Tanklastzüge. Niemand zündet Autos an. Niemand lauert Politikern auf, um ihnen auf die Nase zu hauen. Wäre ja auch – wenngleich berechtigt – ziemlich übertrieben. Doch so ist der Deutsche eben nicht. Nicht mehr. Und das schon seit mindestens 1945. Heute gilt dafür, solange das Bier günstig bleibt und der Fernsehempfang nicht gestört wird, nimmt man auch die Rente ab 67 hin. Und wenn irgendein zukünftiger Bundespräsident mal sagt, dass der Islam nicht zu Deutschland gehört – denn das ist ja anscheinend etwas, worauf besonders viel Wert gelegt wird – geht der Deutsche sogar bestimmt gerne erst mit 77 in Rente. Oder gar nicht. Auf der anderen Seite gibt es aber durchaus auch sehr viele Deutsche, die sich in diesen Tagen wie revolutionäre Franzosen benehmen und erstaunlicherweise noch viele mehr, die gerne welche wären. Allerdings nicht wegen der Rente. Sondern wegen eines neuen Stuttgarter Bahnhofs. Was natürlich ebenfalls ein ernstes Thema ist. Irgendwie. Vielleicht. Oder auch nicht.

Wäre die Rentenfrage nicht nur metaphorisch eine rieisge unterirdische Baustelle, bekäme sie vielleicht mehr Aufmerksamkeit. Umgekehrt muss man sich fragen, ob Stuttgart 21 ebenfalls so viele Proteste nach sich ziehen würde, wenn das Projekt Stuttgart 67 hieße.

paris

Grafik: Copyright Marcus Gottfried, ce-comico.de

………………………………………………………………………………………….