Post an Wagner: Scott McKenzie

Lieber Scott McKenzie,

Wenn ein Lied die Welt verändert hat, dann war es Ihr „San Francisco“.

Sie sangen die Flower-Power-Hymne, das Revolutionslied der Blumenkinder. Im Alter von 73 Jahren sind Sie jetzt einsam in einem Apartment in Los Angeles gestorben.

Wie schrecklich enden Helden? Als Sie 1967 Ihr Lied sangen, begann eine glückliche Zwischenzeit. Make love, not war. Blumen im Haar. Es war eine paradiesische Unschuld. Es gab kein Aids. Die Pille hatte die Angst vor der Schwangerschaft beendet. Die Mädchen warfen ihre BHs weg, steckten sich Blumen an. Sie zogen sich Miniröcke und durchsichtige Batik-kleider an.

Es war eine Zeit, wo wir glaubten, dass Blumen die Welt retten.

Es war die Zeit als meine erste Freundin, sie war 17, mir erlaubte, den Bügel ihres Büstenhalters zu öffnen.

Es war die Zeit, die ich niemals vergessen werde.

Herzlichst,

Ihr F.J. Wagner

Lieber F.J.,

bis nach meinem Tod kannte ich dich überhaupt nicht, aber hier im Jenseits haben plötzlich alle Deutschlehrer angefangen wie verrückt zu rotieren, nachdem deine Kolumne erschienen ist. „Es war eine Zeit, wo wir glaubten, dass Blumen die Welt retten.“ Starker Tobak, Wagner. Aber ich seh das nicht so tragisch, schließlich hast du ein ernsthaftes Alkoholproblem, wie ich aus den ganzen Kolumnen entnehmen kann. Und ich hab mir sagen lassen, dass die Zeitung, für die du schreibst, sowieso nur von Menschen gelesen wird, die nichts von Rechtschreibung verstehen. Oder, mit deinen Worten ausgedrückt: Menschen, wo sich nur für Skandale und Titten – oder noch besser: Skandaltitten – interessieren.

Gleichzeitig möchte ich gerne noch etwas loswerden, wenn ich schon dabei bin. Wie kommst du eigentlich darauf, ich sei einsam in einem Apartment gestorben? Erstens, jeder stirbt alleine, besonders wenn man wie ich am Guillan-Barré-Syndrom gelitten hat, einer ziemlich abgefuckten Nervenkrankheit. Zweitens würde ich gerne wissen, was für Apartments du kennst, wenn du mein Haus in den Hollywood Hills mit einer kleinen Einliegerwohnung vergleichst. Das mögen jetzt Kleinigkeiten sein, aber hey, ich bin tot, ich darf das.

Zu guter Letzt noch etwas, das mich ein wenig irritiert, wenn ich deinen Brief lese. Du schreibst, deine erste Freundin war 17 zu der Zeit. Wenn damit die Veröffentlichung von „San Francisco“ gemeint ist, dann war das 1967. In diesem Jahr warst du 24. Das bedeutet, du hattest mit 24 deine erste Freundin? Und sie erlaubte dir was von ihrem BH zu öffnen? Die Bügel? Ich hoffe du meinst den Verschluss, denn für die Bügel bräuchtest du mindestens eine Heckenschere. Auf der anderen Seite gehen mich die sexuellen Spielarten von euch Deutschen nun wirklich nichts an. Und hey, es waren die 60er. Da hat man schon mal ziemlich verrückte Dinge ausprobiert. Ich wünschte nur ich wüsste noch welche…

Und jetzt fällt mir ein, was mich an an diesem Brief eigentlich die ganze Zeit gestört hat: Du schreibst über diese Zeit damals, als wärst dabeigewesen. Aber wer sich an die Zeit so gut erinnern kann, der war nicht wirklich dabei, Mann. Dass muss ich dir leider so sagen.

Peace,

Dein Scott McKenzie

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