Klimawandel Schuld an Guido Westerwelle?

Wer fürchtet sich heute noch vor einer globalen Erwärmung? Niemand, müsste die Antwort lauten. Denn laut einer neusten Umfrage, die der SPIEGEL exklusiv in Auftrag gab, haben die meisten Deutschen keine Angst mehr vor dem Klimawandel. Die viel zitierte Gefahr sei gar keine, sind sich viele sicher.

Doch das war nicht immer so. Vor nicht allzu langer Zeit traute man sich kaum noch ohne Pfefferspray oder zumindest einem gut zurechtgelegten Gebet aus dem Haus. Man vermutete den Klimawandel stets hinter der nächsten Ecke und führte sich angsterfüllt vor Augen, wie er dort lauert, immerzu bereit seinen Opfern die grausamsten Dinge anzutun. „Ich habe mich jeden Morgen gefragt, ob dieser Tag mein letzter sein würde“, sagt Kristina S. (32), Abiturientin aus Wiesbaden. Und wie Frau S. ging es vielen. Jürgen R. (54), Tierfütterer aus Düsseldorf, bestätigt: „Ich war wie gelähmt, konnte meiner Arbeit kaum noch nachgehen. Die dachten schon alle ich wär unfähig.“

Und wie sieht es heute aus? „Das Blatt hat sich gewendet“, sagt Dirk B. (49), Zirkusclown aus Köln, entschlossen. „Aus Angst vor dem Klimawandel habe ich letztes Jahr noch die FDP gewählt. Das werde ich mir nie verzeihen. Wenn mir der Klimawandel – oder ein FDP-Politiker – über den Weg laufen sollte, haue ich ihm gehörig in die Fresse!“ Und Dirk B. ist kein Einzelfall. Wie die Umfrage ergab, haben erstaunlich viele Bürger, aus purer Verzweiflung heraus, der FDP ihre Wählerstimme gegeben, in der Erwartung das Ergebnis nicht lange miterleben zu müssen. Nun, da der Klimawandel ihnen einen Strich durch die Rechnung gezogen hat, wandelt sich die Angst in Wut um.

Aber auch abgesehen von einem falsch gesetzten Kreuz bei der Bundestagswahl herrscht einer weit verbreitete Furchtlosigkeit. Wie kommt das? Der Klimawandel ist schließlich nachwievor irgendwo da draußen. Laut Furchtlosigkeitsexperten ist dies jedoch genau der ausschlaggebende Punkt. Bei all den naheliegenden Problemen, mit denen die Menschen regelmäßig fertig werden müssen (schlechtes Fernsehprogramm, freche Nachbarskinder, überteuertes Fastfood, falsche Regierung), verliert ein lediglich mögliches Problem „irgendwo da draußen“ nach einiger Zeit seinen Schrecken.

Kristina S. geht es zumindest deutlich besser als noch vor einem Jahr und hat sich auch schon eine Strategie zurecht gelegt. „Ich werde den Klimawandel freundlich anlächeln und umarmen, wenn ich ihm begegne. Vielleicht braucht er ja nur ein bißchen Liebe“. Und Jürgen R. sieht das Ganze inzwischen auch sehr gelassen: „Ich werde diesen Klimawandel einfach ignorieren. Das machen meine Kollegen schließlich auch alle so.“

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