Das Leben als Freak-Magnet Archiv

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Die Croissant-Akte: Warm vs. Frisch

Neulich in der Bäckerei. Gegen Mittag.

Drei Croissants, bitte.
Die junge Bäckerin nimmt drei Stück aus der Ablage unter dem Glasschutz.

Entschuldigung, haben Sie vielleicht noch warme? Ich sage bewusst nicht “frische”, denn ich gehe durchaus davon aus, dass die Backware, die ich sehe, frisch ist. Nur warm, geschweige denn heiß, ist sie ganz sicher nicht mehr. Und mich gelüstet es gerade unheimlich nach schön dampfenden Croissants.

Die sind frisch, von heute morgen.

Ja, aber die sind doch sicher nicht mehr warm, oder?

Nein, sind aber frisch gemacht. Sie wird etwas laut. Ich halte mich davon ab zu fragen, ob sie längere Zeit keinen Sex mehr hatte.

OK. Könnte ich aber ein paar warme Croissants bekommen? Ich deute nickend auf den großen Ofen mit der durchsichtigen Tür hinter ihr, in welchem regelmäßig neue Brötchen, Muffins und Croissants gebacken werden.

Aber… Kurze Pause. Sie schaut mich äußerst gereizt an. Wenn Blicke töten könnten… Ich bin irritiert. Wo liegt das Problem?

Na gut, wenn Sie mir nicht glauben. Sie schmeißt regelrecht die bereits entnommenen Croissants zurück in die Ablage und ist sichtlich sauer.

Ich will doch einfach nur ein paar warme Croissants.

Kein Problem, ist Ihr gutes Recht, schnaubt sie zurück. Obwohl die wirklich frisch waren. Das Ganze in einem Ton, der sagen wollte: Du dummer Arsch, warum willst du nicht die Teile nehmen, die ich dir angeboten habe?!

Ich bezahle wortlos und verschwinde. Meine Güte.

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Von der Arbeit einer Kellnerin: Der Backfischmann

Bei dem folgenden Artikel handelt es sich um einen Gastbeitrag einer Mitarbeiterin aus meiner Redaktion, die sich erfolgreich hochgeschlafen und sich somit diesen Platz hier redlich verdient hat.

Ihr Beitrag zeigt schonungslos, dass auch die beknacktesten Freaks mal auswärts essen gehen.

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Jeder hat bestimmt den ein oder anderen seltsamen Menschen schon getroffen. Natürlich meidet man sie so weit das geht. Manchmal ist das aber nicht so einfach, wie man möchte. Der Taxifahrer, Kassierer, vielleicht auch Professor oder Vorgesetzte sind solche unangenehmen Persönlichkeiten.

Mir begegnete einer der skurrilsten Menschen auf meiner Arbeit in einem Restaurant. Leider in der Form eines Gastes. Und natürlich ist es für eine Kellnerin nicht so einfach, ihre Meinung offen auszusprechen. Wir leben da eher noch dem Motto “Die Gedanken sind frei”. Und natürlich wird hinter der Theke heimlich auch gelästert.

Besagter nervige Gast erscheint bereits alkoholisiert. So scheint es zumindest. Das würde zwar nichts entschuldigen, aber doch etwas erklären. Seinen glasigen Blick zumindest. Der Mann hat bessere Tage gesehen, aber das hat der Großteil unserer Gäste. Er ist bestimmt über 50, etwas schlacksig, aber nicht allzu Groß. Eher unscheinbar. Noch…

Zuerst macht er schon durch dummes Geschwätz auf sich aufmerksam. In Gedanken unterstellt man ADS, kümmert sich aber nicht weiter um ihn. Er ordert einen Wein und schwallt eine Kollegin zu über ihr Sternzeichen und ihr Aussehen. Und natürlich bestellt er auch etwas zu Essen. Backfisch. Mir wird die dankbare Aufgabe zuteil, ihm sein Essen zu servieren. Normaler Gast, denk ich mir noch, und spreche ihn höflich mit den Worten an: “Der Backfisch ist für Sie?” Er guckt zu mir hoch und sagt: “Du bist ja wohl selber ‘n Backfisch.” Ich bin etwas genervt, antworte ruhig “Das war aber nicht gerade ein Kompliment” und wende mich ab. Er faselt vor sich hin, obwohl er alleine am Tisch sitzt.

Nach einiger Zeit wird das Lokal etwas voller. Unangekündigte Gäste finden auf der Terasse keinen Platz mehr. Eine Gruppe von drei Männern setzt sich irgendwann notgedrungen zu dem Deppen an den Tisch. Als ich der Gruppe ihr Essen rausbringe und serviere, spricht er mich an: “Der Backfisch macht wie immer alles falsch.” Sinnloser Kommentar. Die Männer und ich wissen sichtlich nicht, wovon er redet. Aber seinen Spitznamen “Backfischmann” hat er von mir damit in Gedanken auf die Stirn gestempelt bekommen. “Was hast du denn für Augen?”, fragt er, als ich ihn missbilligend anblicke. Ich antworte nichts, aber er scheint sowieso einen Monolog zu halten: “Wie Seenymphen oder…” Ich ignoriere ihn und greife nach seinem Teller, auf dem ein zerfledderter Backfisch liegt. Die Hälfte hat der Backfischmann liegen lassen. Ich frage nicht, ob es ihm geschmeckt hat. Natürlich brauche ich das auch nicht, weil er es mir sofort auf die Nase bindet: “Hab hier schon besser gegessen.” – “Aha”, meine ich, und biete ihm keinen Kaffee oder Schnaps an, wie ich das sonst mache, wenn etwas nicht in Ordnung war. In Gedanken nenne ich es Karma und kehre ihm den Rücken zu, in der Hoffnung, dass er bald geht. Leider weit gefehlt.

Ich bin mit anderen Gästen beschäftigt, als ich mich umdrehe und der Backfischmann plötzlich hinter mir steht. “Kommst du aus Georgien?”, fragt er. “Wieso?”, erwidere ich. Natürlich liegen mir andre Dinge auf der Zunge. Aber ich drehe ihm lieber den Rücken zu und gehe mich weiter um vernünftigere Gäste kümmern. Meine Abneigung sollte er damit eigentlich bemerkt haben. Aber natürlich muss er mir hinterher laufen und mich noch mal nach Georgien fragen. Ich überhöre sein Gefasel und gehe weiter. Für jeden Außenstehenden muss das eindeutig gewesen sein. Für den Backfischmann nicht…

Später läuft er mir wieder über den Weg und fragt “Also bist du deutsch?” Kurz angebunden sage ich “Ja” und bin auch wieder weg. Von einer Kollegin erfahre ich, dass er sie über meine Herkunft ausgefragt hat. Unglaublich…

Aber es geht weiter. Als ich wieder von der Terasse reingehen möchte, sehe ich den Backfischmann vor mir. Natürlich betritt er die Gaststätte mit einem Zigarillo in der Hand. Ich meine höflich, aber bestimmt: “Hier drinnen dürfen Sie nicht rauchen.” Er guckt mich überrascht an und meint: “Oh, das wusste ich nicht. Aber ich rauche ja auch nicht, ich halt ihn ja nur fest.” Ich bin über so viel Dreistigkeit erstaunt, und natürlich auch darüber, dass er nicht weiß, dass man seit geraumer Zeit in Gaststätten nicht mehr rauchen darf. Er bestellt bei meinem Chef ein alkoholfreies Bier, bekommt ein Tablett mir einem Flaschenbier und einem Bierglas und läuft damit, immer noch mit dem Zigarillo in der anderen Hand, wieder raus. Mein Chef geht hinter ihm auf die Terasse. Der Backfischmann fängt an ihn zuzulabern. Und natürlich fällt dabei das Bier samt Bierglas vom Tablett. Selten so viel Talent gesehen, denke ich mir und mache mich daran, die Scherben aufzusammeln. Er faselt dummes Zeug von wegen es tut ihm leid und so. Ich denke mir, dass er sich eigentlich allein für seine bloße Existenz entschuldigen müsste. Er geht rein und holt sich ein Bier mit Glas ohne Tablett.

Der weitere Abend verläuft noch mit kleineren Backfischmann-Skurrilitäten, aber alles aufzuzuählen würde wohl den Rahmen sprengen. Was ich im Vorbeigehen definitiv feststellen konnte, ist, dass seine Lieblingsthemen Sternzeichen und die Berechnung von Aszendenten sind. Vielleicht ist er schon anderen über den Weg gelaufen. Sprecht ihn auf Sternzeichen an, dann könnt ihr mit Sicherheit sagen, ob er es ist.

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Frauen, Drogen, Samt und Seide

Ich würde nicht von mir behaupten wollen, leicht verwirrt zu sein, aber es kann schon mal vorkommen, dass ich abgelenkt oder so in Gedanken vertieft bin, dass die einfachsten Dinge um mich herum an mir vorbeigehen. Dann stehe ich auf dem sprichwörtlichen Schlauch und kann die eindeutigsten Schlussfolgerungen nicht mehr ziehen; selbst wenn sie so offensichtlich sind, dass sogar einem Waldorfschüler ein Licht aufgehen würde. Aber vielleicht bin ich auch einfach nur doof. Wer weiß.

Es ist ein warmer Sommertag. Ich befinde mich im Trierer Palastgarten in der Gesellschaft einer jungen Frau, die ich erst vor mehreren Stunden kennengelernt habe. Sie ist richtig bezaubernd, intelligent, witzig und eine tolle Gesprächspartnerin. Und dann diese wunderschönen, großen, wohlgeformten Augen, 80C ungefähr. Klasse. Also zumindest was die Ablenkung betrifft, kann ich bestimmt nicht klagen. Und das ist eigentlich ganz gut so, denn der junge Mann, der mich bald ansprechen wird, hätte hinterher auch etwas anderes von mir zu hören bekommen können:

Er sieht total unscheinbar aus, ein unauffälliger Typ von höchstens 20 Jahren, mit Jeans und einem hellen T-Shirt bekleidet. Freundlich tritt er an uns heran – die junge Frau mit den festen Augen und ich haben es uns im Schatten eines großen Baumes an der Treppe des Kurfürstlichen Palais gemütlich gemacht – und fragt mich:

Hi, hast du vielleicht irgendwelchen Stoff? Ich gebe zu, diese Frage irritiert mich nicht nur, nein, sie überfordert mich regelrecht. Mein Kopf ist eben gerade woanders. Also schaue ich ihn verdutzt an und antworte mit einer wahrhaftig genialen Gegenfrage.

Hä?

Hast du Stoff da? Meine Gedanken kreisen um Seide, Baumwolle und Samt. Was zum…?

Stoff? Was denn bitte für Stoff? Ich stelle die Frage in einem Ton, der klar zu verstehen gibt, dass ich seine Frage total bescheuert finde. Ich meine, sitze ich vielleicht auf einer Truhe voller Stoffballen?

Na, Stoff. Irgendwelchen. Der will mich doch verarschen.

Seh ich aus wie’n bekackter Stoffhändler?

Nix dabei?

Geht’s noch? Was soll die scheiß Frage? Bin doch kein Schneider!

Mit diesen Worte ignoriere ich ihn und drehe mich kopfschüttelnd und griesgrämig schnaubend weg. Er verzieht sich daraufhin und geht seiner Wege.

Das junge Fräulein, welchem ich mich nun wieder widme, hatte das Ganze amüsiert beobachtet und meint grinsend:

Hättest den Kerl doch nicht so verarschen müssen.

Wie meinst du das? Der hat doch mich verarscht.

Ne, ich glaub der wollte Drogen. Und da macht es endlich “klick”.

Oh. Mann, manchmal bin ich echt schwer von Begriff. Aber warum zum Teufel fragt er mich nach Drogen? Geht’s noch? Immer diese Verwechslungen! Egal. Sie lächelt.

Du hast wirklich wunderschöne Augen, weißt du das?

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Hitler und der kalte Krieg

Es heißt, Intelligenz mache sexy. Alle Schönheit der Welt würde nichts nützen, wenn sich im Kopf nur ein nasses Brötchen befindet. Ein Gerücht, das von hässlichen Informatikern in die Welt gesetzt wurde? Vielleicht, aber zumindest bestehe ich darauf festzuhalten, dass es auch sexy ist, eine gewisse Intelligenz zu versprühen.

Wie komme ich zu dieser unmännlichen Haltung?

Es ist ein heißer Tag. Ich fahre mit dem Bus zur Arbeit und erfreue mich mal wieder am spärlichen Kleidungsstil der jungen Frauen dieses neuen Jahrtausends. Ich bin gerade dabei ein kleines Stoßgebet an die Erfinderin des Minirocks zu richten, als ich auch schon mit einem optischen Höhepunkt belohnt werde, indem zwei absolute Traumfrauen in den Bus einsteigen. Mitte 20, verführerischer als jede Sahnetorte und schärfer als ein Rasiermesser, fast unbekleidet und mit einer Figur wie aus einem hochqualitativen Erotikfilm. Ich schlucke, fange an zu schwitzen und muss mich zwingen an tote Frösche zu denken, damit man nicht plötzlich mit dem Finger auf mich zeigt.

Doch sollte sich dieser Beweis für Gottes Existenz leider als der Beweis für dessen Schadenfreude entpuppen. Die beiden Frauen setzen sich nämlich in meine unmittelbare Nähe – und fangen an miteinander zu sprechen:

Ey, also diese Demos im Iran sind ja mal voll krass, hab ich grad wieder im Fernsehen gesehen.
Ja, aber was wollen die denn? Ist doch jetzt viel besser als der Saddam noch da war.

Hm, Iran und Irak verwechselt. Was soll’s? Kann den wohlgeformtesten Brüsten passieren. Es gibt Schlimmeres.

Keine Ahnung, ist aber wie Krieg jetzt da. Aber auch nicht so richtig Krieg, also eher so wie im kalten Krieg.
Hä, wie meinst du das? So wie bei Hitler?

Hitler? Wieso denn Hitler?

So ähnlich. Der hat ja auch ‘nen Haufen Leute gekillt. Aber ohne Demos. Einfach so.
Der hat aber wenigestens gute Gründe gehabt.
War trotzdem nicht korrekt. Macht man einfach nicht.
Ja, aber hätt man den machen lassen, hätts den Saddam zum Beispiel gar nicht gegeben. Und der war doch ein echter Scheisskerl.
Joa…

Welch faszinierende Logik. Hitler wäre bestimmt auch das bessere Jurymitglied bei DSDS gewesen und hätte den Ausbruch der Schweinegrippe verhindern können. Ich kann das Ende dieser Diskussion aber nicht mehr miterleben, denn ich muss leider aussteigen. Wie ärgerlich…

Intelligenz macht sexy? Schwer zu sagen… Oder?

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Der senile alte Trottel

Busfahren. Die spannendste Erfindung seit es öffentliche Verkehrsmittel gibt. Das sollte sich bei einer Fahrt durch die Stadt mal wieder bestätigen:

Ich sitze ungefähr in der Mitte des Fahrzeugs an einem Außenplatz. Am Fenster habe ich meine Umhängetasche plaziert, da genügend freie Sitzgelegenheiten da sind und ich so niemanden zwinge zu stehen.

Wenn allerdings ein Freak dazusteigt und sich im Raum ein starker Freak-Magnet – moi – befindet, gelten andere Regeln. In diesem Fall handelt es sich bei dem Freak um einen gekrümmten Greis, der nicht nur die besten, sondern auch die schlechtesten Tage längst hinter sich gelassen hat. Er trägt einen grünen Filzhut und stützt sich auf einen Gehstock.

Nachdem er eingestiegen ist, bleibt er kurz stehen und schaut sich nach einer Sitzgelegenheit um. Er schnauft ganz schön und ich frage mich ernsthaft, wo seine Krankenschwester abgeblieben ist. Falls er irgendeinen Anfall bekommt, würde sich die Busfahrt unangenehmerweise verzögern. Doch er setzt sich nicht. Stattdessen geht er an mehreren freien Plätzen vorbei und bleibt erst auf meiner Höhe stehen. Ich denke mir zunächst nichts dabei, vielleicht macht er ja eine Gehpause auf dem Weg nach ganz hinten, bis er jedoch mit krächziger, aber erstaunlich vitaler und kraftvoller Stimme sagt:

Also zu meiner Zeit ist man noch aufgestanden, wenn jemand älteres sich setzen wollte. Was zum…? Ich drehe meinen Kopf in seine Richtung und blicke in ein Gesicht voller Empörung. Was soll denn das? Er geht an mehreren freien Plätzen vorbei, nur um mir eine schlechte Erziehung anzukreiden? In welchem bescheuerten Film bin ich schon wieder gelandet?

Ähm, was stimmt denn nicht mit den freien Plätzen da vorne? Ich setze bewusst einen Schuss Sarkasmus in meine Stimme, hebe eine Augenbraue hoch und bleibe ganz entspannt sitzen. Er dagegen schaut lediglich weg, schüttelt dabei den Kopf und murmelt vor sich hin:

Das ist doch die Höhe! Was man sich alles bieten lassen muss!

Ich fasse es nicht, was ich mir bieten lassen muss, also packe ich meine Tasche und stehe mit den Worten auf:

Oh, entschuldigung, ich wusste nicht, dass dieser Platz für senile alte Trottel reserviert war.

Der alte Mann reagiert darauf mit noch heftigerem Kopfschütteln, setzt sich aber tatsächlich hin. Die weitere Fahrt verbringe ich im Stehen, ich muss sowieso an der nächsten Haltestelle aussteigen.

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