Bei dem folgenden Artikel handelt es sich um einen Gastbeitrag einer Mitarbeiterin aus meiner Redaktion, die sich erfolgreich hochgeschlafen und sich somit diesen Platz hier redlich verdient hat.
Ihr Beitrag zeigt schonungslos, dass auch die beknacktesten Freaks mal auswärts essen gehen.
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Jeder hat bestimmt den ein oder anderen seltsamen Menschen schon getroffen. Natürlich meidet man sie so weit das geht. Manchmal ist das aber nicht so einfach, wie man möchte. Der Taxifahrer, Kassierer, vielleicht auch Professor oder Vorgesetzte sind solche unangenehmen Persönlichkeiten.
Mir begegnete einer der skurrilsten Menschen auf meiner Arbeit in einem Restaurant. Leider in der Form eines Gastes. Und natürlich ist es für eine Kellnerin nicht so einfach, ihre Meinung offen auszusprechen. Wir leben da eher noch dem Motto “Die Gedanken sind frei”. Und natürlich wird hinter der Theke heimlich auch gelästert.
Besagter nervige Gast erscheint bereits alkoholisiert. So scheint es zumindest. Das würde zwar nichts entschuldigen, aber doch etwas erklären. Seinen glasigen Blick zumindest. Der Mann hat bessere Tage gesehen, aber das hat der Großteil unserer Gäste. Er ist bestimmt über 50, etwas schlacksig, aber nicht allzu Groß. Eher unscheinbar. Noch…
Zuerst macht er schon durch dummes Geschwätz auf sich aufmerksam. In Gedanken unterstellt man ADS, kümmert sich aber nicht weiter um ihn. Er ordert einen Wein und schwallt eine Kollegin zu über ihr Sternzeichen und ihr Aussehen. Und natürlich bestellt er auch etwas zu Essen. Backfisch. Mir wird die dankbare Aufgabe zuteil, ihm sein Essen zu servieren. Normaler Gast, denk ich mir noch, und spreche ihn höflich mit den Worten an: “Der Backfisch ist für Sie?” Er guckt zu mir hoch und sagt: “Du bist ja wohl selber ‘n Backfisch.” Ich bin etwas genervt, antworte ruhig “Das war aber nicht gerade ein Kompliment” und wende mich ab. Er faselt vor sich hin, obwohl er alleine am Tisch sitzt.
Nach einiger Zeit wird das Lokal etwas voller. Unangekündigte Gäste finden auf der Terasse keinen Platz mehr. Eine Gruppe von drei Männern setzt sich irgendwann notgedrungen zu dem Deppen an den Tisch. Als ich der Gruppe ihr Essen rausbringe und serviere, spricht er mich an: “Der Backfisch macht wie immer alles falsch.” Sinnloser Kommentar. Die Männer und ich wissen sichtlich nicht, wovon er redet. Aber seinen Spitznamen “Backfischmann” hat er von mir damit in Gedanken auf die Stirn gestempelt bekommen. “Was hast du denn für Augen?”, fragt er, als ich ihn missbilligend anblicke. Ich antworte nichts, aber er scheint sowieso einen Monolog zu halten: “Wie Seenymphen oder…” Ich ignoriere ihn und greife nach seinem Teller, auf dem ein zerfledderter Backfisch liegt. Die Hälfte hat der Backfischmann liegen lassen. Ich frage nicht, ob es ihm geschmeckt hat. Natürlich brauche ich das auch nicht, weil er es mir sofort auf die Nase bindet: “Hab hier schon besser gegessen.” – “Aha”, meine ich, und biete ihm keinen Kaffee oder Schnaps an, wie ich das sonst mache, wenn etwas nicht in Ordnung war. In Gedanken nenne ich es Karma und kehre ihm den Rücken zu, in der Hoffnung, dass er bald geht. Leider weit gefehlt.
Ich bin mit anderen Gästen beschäftigt, als ich mich umdrehe und der Backfischmann plötzlich hinter mir steht. “Kommst du aus Georgien?”, fragt er. “Wieso?”, erwidere ich. Natürlich liegen mir andre Dinge auf der Zunge. Aber ich drehe ihm lieber den Rücken zu und gehe mich weiter um vernünftigere Gäste kümmern. Meine Abneigung sollte er damit eigentlich bemerkt haben. Aber natürlich muss er mir hinterher laufen und mich noch mal nach Georgien fragen. Ich überhöre sein Gefasel und gehe weiter. Für jeden Außenstehenden muss das eindeutig gewesen sein. Für den Backfischmann nicht…
Später läuft er mir wieder über den Weg und fragt “Also bist du deutsch?” Kurz angebunden sage ich “Ja” und bin auch wieder weg. Von einer Kollegin erfahre ich, dass er sie über meine Herkunft ausgefragt hat. Unglaublich…
Aber es geht weiter. Als ich wieder von der Terasse reingehen möchte, sehe ich den Backfischmann vor mir. Natürlich betritt er die Gaststätte mit einem Zigarillo in der Hand. Ich meine höflich, aber bestimmt: “Hier drinnen dürfen Sie nicht rauchen.” Er guckt mich überrascht an und meint: “Oh, das wusste ich nicht. Aber ich rauche ja auch nicht, ich halt ihn ja nur fest.” Ich bin über so viel Dreistigkeit erstaunt, und natürlich auch darüber, dass er nicht weiß, dass man seit geraumer Zeit in Gaststätten nicht mehr rauchen darf. Er bestellt bei meinem Chef ein alkoholfreies Bier, bekommt ein Tablett mir einem Flaschenbier und einem Bierglas und läuft damit, immer noch mit dem Zigarillo in der anderen Hand, wieder raus. Mein Chef geht hinter ihm auf die Terasse. Der Backfischmann fängt an ihn zuzulabern. Und natürlich fällt dabei das Bier samt Bierglas vom Tablett. Selten so viel Talent gesehen, denke ich mir und mache mich daran, die Scherben aufzusammeln. Er faselt dummes Zeug von wegen es tut ihm leid und so. Ich denke mir, dass er sich eigentlich allein für seine bloße Existenz entschuldigen müsste. Er geht rein und holt sich ein Bier mit Glas ohne Tablett.
Der weitere Abend verläuft noch mit kleineren Backfischmann-Skurrilitäten, aber alles aufzuzuählen würde wohl den Rahmen sprengen. Was ich im Vorbeigehen definitiv feststellen konnte, ist, dass seine Lieblingsthemen Sternzeichen und die Berechnung von Aszendenten sind. Vielleicht ist er schon anderen über den Weg gelaufen. Sprecht ihn auf Sternzeichen an, dann könnt ihr mit Sicherheit sagen, ob er es ist.
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